Die „grösste Produktinnovation in der Ge­schichte der Migros“ – what else

Für diejenigen unter Euch, welche die Schlagzeilen nicht ganz so eng verfolgen wie ich, fasse ich kurz zusammen, wirklich ganz kurz, denn es werden mir ja immer wieder Abschweifer und Irrungen und Wirrungen vorgeworfen, welche meine Texte nur unnötig lang machen. Kürzlich wurde einer meiner Ergüsse sogar als Pamphlet bezeichnet (ok, ich nehme das als Kompliment), deshalb wirklich nur kurz:

  • In der letzten Augustwoche wurde bekannt, dass die Migros für den 6. September zu einer Medienkonferenz geladen hätte, um die grösste Produktinnovation in der Geschichte der Migros zu lancieren
  • Nur wenig später schrieben die Medien, dass es sich dabei wohl um eine Art Kaffeekapsel handeln müsse, denn die Migros habe die Marke Coffee B eintragen lassen. Und in Frankreich sei das Produkt schon vorgestellt worden. Bis hierhin eine vollmundige Ankündigung mit geschicktem Durchsickern-lassen, damit das Feuerchen auch am Lodern bleibt
  • Am 6. September wurde die Nicht-Kaffee-Kapsel dann tatsächlich lanciert. Und so sieht sie aus

Kleiner Einschub: Die Migros und ihre Innovationen sind ja so ein Sache für sich. Eigentlich wurde die Migros als Immitatorin gross: Kaffee Hag wurde als Kaffee Zaun kopiert, Rivella verkaufte Migros leicht abgeändert und produziert von Rivella als Mivella und aus der Swatch wurde die M-Watch. Eigene Kreationen: das vegane „hart gekochte“ Ei wurde nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen, dem vegangen Rührei wünsche ich nach einmaliger Verkostung gleiches Schicksal, bitte bald.

Nun, aber wirklich zur grössten Innovation der Unternehmensgeschichte. Wobei nein, zuerst noch ein paar Worte zu Marketing. Bis in die 1980-er-Jahre war die Migros wohl in Sachen Marketing Weltklasse. Man schreibt ihr quasi die Erfindung der „Aktion“ zu und die Migros-Musik können wohl viele noch heute nachsingen. Später fiel die Migros dann doch immer wieder durch Flops auf. Welche zwar sehr lustig sind, aber halt doch Flops (Nummer 1 übrigens selber fotografiert, 2 und 3 sind #Netzfunde):

So nun zurück zur grössten Innovation der Firmengeschichte. Da präsentierte also Migros Chef Fabrice Zumbrunnen in der Euphorie von Emil als Wahlverlierer (und wer das nicht kennt: sofort googeln) die Kapsel ohne Kapsel. Ein Kaffeeball, der aussieht wie eine Lindor-Kugel, leider einfach nicht schmeckt wie eine Lindor-Kugel. Und die Migros nennt den Kaffeeball Coffee B – was dann dazu führt, dass es genau 10 Stunden dauert, bis ein amerikanischer Late Night Talker über „Swiss Balls“ redet oder eher lacht. Erinnert irgendwie daran, dass der Mazda MR2 in Frankreich nie so recht zum Erfolg wurde, weil es sich auf französisch ausgesprochen halt einfach Scheisse anhört oder dass der Fiat Punto in Finnland nie durchstartete, weil wer will schon ein Auto kaufen, das Idiot heisst.

So weit so gut, trotzdem wollte ich natürlich testen. Und da ich grad oben an einer Migros wohne, rannte ich am Samstag fast schon zu dieser Filiale. Kleine Randnotiz: Diese Filiale hat im Untergeschoss den neuen Migros-Brillenhändler Misenso. Brillen im Untergeschoss ohne Tageslicht zwischen Toilettenpapier und Hundefutter finde ich gelinde gesagt schwierig. Könnte allenfalls klappen, mit sehr aktivem Verkaufspersonal, welches allen bebrillt vorbeigehenden Kund:innen eine kostenlose Reinigung oder was auch immer anbietet und sie so in ein Gespräch verwickelt….was ja aber so nicht ist, weil zwei gelangweilte Personen hinter der Theke einfach auf bessere Zeiten warten. Ok sorry, die Randnotiz wurde grad ein wenig länger.

Also, Coffee B konnte ich dann tatsächlich testen. Nachdem ich drei Mal interessiert am Stand vorbeigegangen war und ganz interessiert geschaut hatte (dazu halblaut „was isch ächt das?“ vor mich hin brabbelte) und dann laut fragte, was denn das sei. Der Stand optimal platziert in der Einflugschneise des Ladens, so dass man immer fürchten musste, von einem Wägelchen in der Achillessehne getroffen zu werden. Geruchlich schön arrangiert zwischen Gemüse und Brot, angereichert von gebratenem Poulet in der Auslage. Und ja, Tageslicht hat es auch im Obergeschoss dieser Filiale nicht wirklich. Ich durfte also testen, es war weder besonders gut noch besonders schlecht, es war in einem Kartonbecherchen, es war sicher nicht Premium (also gar nicht so premiumig wie oben abgebildet – aber hätte so voll Premium wirklich voll zur Migros gepasst?), rein schon von der Ambiance her nicht. Und meine Frage, was denn nun an diesen Nicht-Kapseln besser sein soll als an den kompostierbaren Nespresso-Imitaten konnte man mir nicht beantworten. Und in den Medien kann man lesen, dass in gewissen Filialen die Mitarbeitenden das Produkt gar nicht kennen würden (da hatte ich ja grad noch Glück) und dass bei der Tochter Digitec die Kugeln schon ausverkauft seien (was ich fast nicht glauben kann, denn sooo verrückt viele können ja da noch gar nicht bestellt worden sein….). Also zusammengefasst: Liebe Migros, so hast Du gegen George Clooney und die elegante Verkäuferin in der noch eleganteren Nespresso-Boutique (oder umgekehrt), welche strahlend „Willkomme bi Nespresso“ sagt schlicht und ergreifend keine Chance. Egal wie umweltfreundlich, nachhaltig und was noch immer diese tollen Nicht-Kapseln sein mögen.

Aber auch liebe Migros: Ich mag Dich wirklich. Und ich finde es toll, dass Du es mit dem Weltmarktführer Nespresso aufnehmen willst. Und auch das Kulturprozent finde ich super. Und deine Produkte mag ich. Und dass Du weiterhin auf Alkohol und Zigaretten verzichtest (und uns als Genossenschafter:innen darüber hast abstimmen lassen), macht dich sogar einmalig.

Aber Produktlancierungen kannst Du besser, oder?

next stop: Migros.

2 Kommentare zu „Die „grösste Produktinnovation in der Ge­schichte der Migros“ – what else

  1. Hi Thomas, deine journalistischen Fähigkeiten überraschen mich immer wieder, sowie die Recherchen die du dabei anstellst. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken den Job zu wechseln – ha,ha! Freue mich auf deinen nächsten Essay!

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