Heute mal nichts zu Verkauf, Beratung und Verhandlung, heute wieder einmal ein Buchkritik, wohl meine letzte, also geniesst sie. Also doch ein wenig Verkauf: Das neue Buch ist in der ersten Woche auf Platz 18 der Schweizer Bestsellerliste eingestiegen. Warum es als Taschenbuch in der Kategorie Bellestritik Hardcover geführt wird, wissen wohl die Götter. Oder falls es jemand weiss, ich freue mich über Aufklärung!
Es gibt Bücher, die liest man gemütlich über mehrere Wochen. Und es gibt Bücher, bei denen man nach 48 Stunden auf der letzten Seite ankommt und sich fragt, wo eigentlich das Wochenende geblieben ist.
«Überfall», der dritte Band von Matthias Vetschs Trilogie «Operation Tiefer Dorn», gehört zur zweiten Kategorie. Knapp 500 Seiten in zwei Tagen. Trotz einer kompletten Runde der Fussball-Super-League. Wer mich kennt, weiss: Das ist eine ziemlich aussagekräftige Literaturkritik.
Aber der Reihe nach. Schliesslich schliessen wir hier einen Kreis. Literarisch. Sicherheitspolitisch. Und für meine überschaubare Karriere als Feuilletonist.
Bei Band 1war ich noch der frisch gebackene Buchkritiker, der vorsichtshalber freundlich über seinen ehemaligen Chef schrieb. Man weiss ja nie. Inzwischen sind wir bei der dritten Rezension angekommen. Die Befürchtung, Matthias könnte nochmals mein Vorgesetzter werden, wird langsam kleiner. Die Bewunderung für seine Bücher grösser.
Vom Warmlaufen zum Überfall
«Aufmarsch» war gewissermassen das Warmlaufen: ein liebevoller, stellenweise aber auch ziemlich brutaler Blick auf unsere Armee. Man erkannte einiges wieder, schmunzelte gelegentlich und dachte am Schluss: Irgendwie kommt das dann schon gut.
Band 2, «Infiltration», legte eine ordentliche Schippe drauf. Und gerade als man sich wieder auf ein erleichtertes Durchatmen einstellen wollte, merkte man: Moment. Das hier beruhigt sich überhaupt nicht. Das eskaliert gerade erst richtig.
Band 3 ist nun der lauteste Teil dieses Crescendos. Nicht nur, weil tatsächlich geschossen und gesprengt wird. Auch der Druck steigt. Was zuvor vorbereitet, eingefädelt und unterwandert wurde, entfaltet seine Wirkung. Und die Vorstellung, man könne das alles mit einer weiteren Sitzung noch irgendwie einfangen, wird zunehmend ungemütlich.
Mehr zur Handlung verrate ich nicht. Wer wissen möchte, wie Matthias die Sache zu Ende bringt, muss selber lesen. Ich hatte jedenfalls erhebliche Schwierigkeiten, damit aufzuhören.
1997 hatte ich da schon eine Frage
Beim Lesen musste ich an meine Rekrutenschule denken. 1997. Der Kalte Krieg war erst wenige Jahre vorbei, die Armee im Vergleich zu heute noch gross und wohl auch wesentlich breiter aufgestellt.
Trotzdem fragte ich mich damals gelegentlich, wie gut dieser Betrieb im Ernstfall tatsächlich funktionieren würde. Zwischen dem, was auf dem Papier vorgesehen war, und dem, was im Alltag klappte, gab es durchaus Raum für persönliche Gedanken. Zeit dafür hatte man ja gelegentlich. Zum Beispiel beim Warten.
Seither wurde verkleinert, gespart und umgebaut. Die Friedensdividende haben wir aus meiner Sicht ziemlich genüsslich konsumiert. Dass man einen Teil davon vielleicht in eine dauerhaft belastbare Sicherheitsvorsorge hätte investieren sollen, ist heute der deutlich weniger gemütliche Gedanke.
Die Armee wurde kleiner. Die Gefahren sind inzwischen wieder grösser geworden.
Was nach der letzten Seite bleibt
Natürlich ist «Operation Tiefer Dorn» ein Thriller. Daraus folgt nicht, dass sich die Ereignisse genau so zutragen werden. Aber die Gefahr hinter der Geschichte ist real. Sicherheit lässt sich nicht allein damit begründen, dass bisher alles irgendwie gut gegangen ist.
Meine wichtigste Erkenntnis aus der Trilogie: Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass das Szenario eintritt, das uns am wahrscheinlichsten erscheint. Wir müssen auch für das gefährlichste plausible Szenario vorbereitet sein.
Und unsere Armee? Mein beruhigendes Gefühl, dass sie uns im Ernstfall schon ausreichend lange verteidigen könnte, ist nach dieser Lektüre jedenfalls nicht grösser geworden.
Matthias gelingt damit etwas, das über einen spannenden Leseabend hinausgeht: Man klappt das Buch zu, aber die Fragen bleiben offen. Die unangenehmen vor allem.
Lieber Matthias: Drei Bände, rund 1500 Seiten und eine beachtliche Eskalation. Als ehemaliger Mitarbeiter kann ich bestätigen: Du konntest schon früher dafür sorgen, dass man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt.
Heute mache ich das sogar freiwillig. Am Wochenende. Zwischen zwei Fussballspielen.
Klare Leseempfehlung für die ganze Trilogie. Am besten genügend Zeit reservieren.









