Unsere Hypothekenverlängerung kommt langsam in die heisse Phase.
Die Laufzeit steht: sechs Jahre. Der Kunde ist bereit, die Beziehung auszubauen. Und weil ich inzwischen weiss, dass er eigentlich gar nicht weg möchte und mit meiner Beratung ziemlich zufrieden ist, bin auch ich bereit, mich von meiner ursprünglichen fairen Preisannahme zu bewegen.
Ich hatte 1,60 % als fair empfunden. Der Kunde war bei 1,40 % gestartet.
Und jetzt passiert etwas sehr Schweizerisches: Der Kunde schlägt vor, dass wir uns doch einfach in der Mitte treffen.
1,50 %.
Eigentlich ein wunderbarer Moment. Ich schaue auf die Uhr. Es geht langsam gegen Mittag. Der Magen knurrt. Die 1,50 % liegen deutlich über meiner Schmerzgrenze.
Also sage ich:
„Einverstanden!“
Fehler. Ein kleiner. Aber ein teurer. Denn was passiert gerade im Kopf des Kunden?
Vielleicht denkt er: „Wow, das ging aber schnell.“
Und fünf Sekunden später vielleicht schon:
„Ob wohl auch 1,48 % möglich gewesen wären?“
Oder 1,47 %?
Oder vielleicht sogar 1,46 %?
Und schon habe ich ein Problem. Ich habe zwar den Preis durchgesetzt, den ich wollte. Aber möglicherweise hat der Kunde trotzdem nicht das Gefühl, einen guten Deal gemacht zu haben.
Im Gegenteil: Meine schnelle Zustimmung kann bei ihm Zweifel auslösen.
Wenn der Verkäufer so schnell Ja sagt – hätte ich vielleicht noch mehr herausholen können?
Und genau hier wird es spannend: Eine Preisverhandlung beeinflusst nicht nur den Preis.
Sie beeinflusst auch Kundenzufriedenheit und Vertrauen.
Ein Kunde kann mit einem Preis zufrieden sein und gleichzeitig mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass er schlecht verhandelt hat.
Und das ist ziemlich unnötig.
Zumal wir als Pricing- und Verhandlungsprofis ja wissen sollten: Der Preis ist nicht nur eine Zahl. Er ist auch ein Signal.
Auch die psychologische Wirkung von Preisen spielt dabei eine Rolle. Ungerade, präzise Preise werden häufig als stärker kalkuliert und weniger verhandelbar wahrgenommen als runde Zahlen.
1,51 % wirkt deshalb möglicherweise anders als 1,50 %.
Nicht unbedingt, weil die 0,01 Prozentpunkte einen rationalen Unterschied machen.
Sondern weil sie signalisieren:
Hier wurde gerechnet.
Also machen wir es beim nächsten Mal etwas professioneller.
Der Kunde sagt:
„Dann treffen wir uns doch bei 1,50 %.“
Ich schaue kurz nachdenklich. Vielleicht neige ich den Kopf ein wenig zur Seite. Vielleicht atme ich einmal tief durch.
Und sage:
„1,50 % ist wirklich ganz knapp nicht mehr darstellbar. Ich kann Ihnen aber 1,51 % anbieten.“
Der Kunde überlegt kurz.
„Okay.“ Deal.
Was haben wir gewonnen? Bei CHF 300’000 Hypothekarvolumen entsprechen 0,01 Prozentpunkte CHF 30 pro Jahr.
Bei sechs Jahren also: CHF 180.
Dafür habe ich ungefähr zwei Minuten gebraucht.
Jetzt könnte man natürlich anfangen zu rechnen.
CHF 180 für zwei Minuten. Das entspricht einem theoretischen Stundenlohn von CHF 5’400.
Und einem theoretischen Jahresgehalt von CHF 1,08 Millionen.
So viel habe ich tatsächlich noch nie verdient. Und werde ich vermutlich auch nie verdienen.
Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Der wirklich interessante Gewinn liegt woanders.
Der Kunde geht mit dem Gefühl nach Hause:
„Ich habe wirklich gut verhandelt. Mehr war vermutlich nicht drin.“
Und genau dieses Gefühl ist Gold wert.
Denn ich habe nicht einfach einen Frankenbetrag optimiert. Ich habe gleichzeitig dafür gesorgt, dass der Kunde mit seinem Verhandlungserfolg zufrieden ist.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wir wollen nicht, dass der Kunde denkt:
„Mist, ich hätte noch mehr herausholen können.“
Wir wollen, dass er denkt:
„Ich habe einen guten Preis bekommen. Und der Berater ist mir entgegengekommen.“
Natürlich darf man es auch übertreiben. Wenn wir bei jeder Einigung noch 17-mal künstlich zögern, wird aus einer Preisverhandlung irgendwann eine schlechte Theateraufführung.
Aber wenn die grundsätzliche Einigung bereits da ist, darf man sich eine kurze Denkpause gönnen.
Denn die schlechteste Reaktion auf einen akzeptablen Gegenvorschlag ist manchmal nicht ein zu grosses Entgegenkommen.
Sondern ein viel zu schnelles:
„Einverstanden!“
Nur weil man Hunger hat. Oder weil man endlich Mittagessen möchte. Oder weil man glaubt, eine Verhandlung müsse möglichst schnell beendet werden.
Gute Preisverhandlung bedeutet eben nicht, jeden letzten Rappen aus dem Kunden herauszuquetschen.
Es geht darum, einen Preis zu finden, der für beide Seiten stimmt – und bei dem der Kunde am Ende das Gefühl hat:
„Das war ein gutes Geschäft.“
Und vielleicht geht man dann auch mal zusammen zum Mittagessen.
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