In der letzten Folge ging es um den Satz: «Ich möchte kein Risiko.» Und darum, weshalb ein guter Berater zuerst herausfinden muss, was der Kunde überhaupt meint.
Heute kommt der nächste Klassiker.
«Ich möchte zuerst einmal mit einem kleineren Betrag anfangen.»
Klingt vernünftig. Ist es oft nicht.
Denn erstaunlicherweise sind sich Kunde und Berater in diesem Moment häufig sogar einig. Der Kunde möchte sich langsam herantasten. Der Berater möchte einen Abschluss machen. Also entsteht der berühmte Schweizer Kompromiss.
Alle sind glücklich.
Nur das Geld leider nicht. Schauen wir uns an, wie eine seriöse Berechnung der Anlagesumme eigentlich funktioniert.
Gesamtvermögen: CHF 1’000’000.
Davon ziehen wir ab:
- CHF 400’000 Eigenkapital, das in der Immobilie gebunden ist.
- CHF 50’000 für die geplante Renovation an genau dieser Immobilie
- CHF 50’000 Wohlfühlliquidität. Also das Geld, das einfach auf dem Konto liegen soll, damit man ruhig schlafen kann. Drei bis sechs Monatsausgaben sind dafür meistens keine schlechte Grössenordnung.
Bleiben CHF 500’000, die grundsätzlich investiert werden könnten.
Das Anlegerprofil ist ebenfalls erstellt. Der Kunde akzeptiert Schwankungen (er braucht das Geld ja nicht). Er möchte sich nicht täglich mit Börsenkursen beschäftigen (das Beraterherz jubiliert innerlich über das winkende Vermögensverwaltungsmandat).
Er bevorzugt regelmässige Ausschüttungen gegenüber maximalem Wachstum. Kurz gesagt: Die Strategie steht: Swiss Defensive Distribuiting Equity Advanced Strategy. Hört sich gut an, ist gut, weil Track Record, Yield, Beta. Alles grossartig.
Jetzt müsste eigentlich nur noch Folgendes passieren:
«Meine Empfehlung lautet, die CHF 500’000 gemäss der gewählten Strategie anzulegen.»
Stattdessen höre ich seit Jahren etwas ganz anderes.
«Wollen wir einmal mit CHF 200’000 beginnen?»
Der Kunde denkt sofort:
«Der Berater steigt wahrscheinlich ohnehin eher hoch ein. Dann handeln wir ihn halt noch etwas herunter.»
Am Ende landen beide bei CHF 100’000. Und weil die Bank gerade eine tolle Aktion hat, gibt es daneben noch ein Festgeld im gleichen Umfang zu zwei Prozent.
Ein Jahr später wolle man dann weiterschauen.
Alle gratulieren sich gegenseitig zu dieser vorsichtigen Lösung.
Ich gratuliere höchstens der Inflation.
Denn ursprünglich hätte der Kunde CHF 500’000 investieren können.
Nehmen wir an, die gewählte Strategie liefert eine Ausschüttungsrendite von rund vier Prozent Ausschüttungsrendite.
Mit CHF 500’000 wären das ungefähr CHF 20’000 Ausschüttungen pro Jahr.
Mit CHF 100’000 sind es gerade einmal CHF 4’000. Dann kommen noch 2 % vom Aktionsfestgeld dazu.
Differenz: CHF 14’000 pro Jahr. Mehr als 1000 pro Monat.
Ja, selbstverständlich vor Steuern. Aber ich bleibe bei meiner Lieblingsformel:
Mehr Brutto ist auch mehr Netto.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Wie viel trauen wir uns heute?“
Sondern:
„Welche Anlagesumme ist aufgrund der Gesamtsituation sinnvoll?“
Genau diese Summe muss die Empfehlung des Beraters sein.
Nicht 100’000.
Nicht 200’000.
Nicht irgendein Betrag, der sich emotional angenehmer anfühlt.
Sondern die Summe, die fachlich richtig ist.
Wenn der Kunde danach sagt:
„Ich möchte trotzdem gestaffelt einsteigen.“
Völlig legitim. Aber dann bitte sauber. Von mir aus die Hälfte jetzt und der Rest gestaffelt über 24 Monate. Braucht zwar etwas Zeit und Aufwand, aber ist immerhin ein Plan.
Denn seien wir ehrlich. Mit der Variante 100’000 jetzt und dann schauen wir, gibt es genau drei Möglichkeiten:
Der Markt läuft seitwärts.
Dann sagt der Kunde in einem Jahr:
„Hat sich ja nichts getan. Dann können wir auch noch warten.“
Der Markt steigt 30 Prozent.
Dann sagt er:
„Jetzt ist alles viel zu teuer. Ich warte auf den Rücksetzer.“
Der Markt fällt 30 Prozent.
Dann sagt er:
„Im Moment investiere ich sicher nicht. Hast du die Nachrichten gesehen?“
Herzlichen Glückwunsch. Man hat erfolgreich den einzigen Zeitpunkt verpasst, an dem die Strategie aufgrund aller Fakten als richtig beurteilt wurde.
Nämlich heute.
Versteht mich nicht falsch. Niemand kennt den perfekten Einstiegszeitpunkt. Ich schon gar nicht.
Aber genau deshalb basiert gute Beratung eben nicht auf Markttiming.
Sondern auf einer sauberen Strategie.
Wer heute überzeugt ist, dass eine bestimmte Vermögensaufteilung langfristig die richtige Lösung ist, sollte auch den Mut haben, genau diese Lösung zu empfehlen.
Mit voller Überzeugung.
Und nicht vorsorglich schon einmal die Empfehlung halbieren, weil man glaubt, der Kunde werde ohnehin nervös.
Denn Beratung bedeutet nicht, den wahrscheinlichsten Kompromiss vorzuschlagen. Beratung bedeutet, die fachlich beste Empfehlung auszusprechen.
Ob der Kunde ihr folgt, entscheidet am Ende selbstverständlich er.
Aber Berufsstolz beginnt für mich genau dort. Nicht beim Abschluss. Sondern bei der Qualität der Empfehlung.









