Wir haben im letzten Beitrag geklärt: Kundengespräche sollten irgendwann enden.
Idealerweise bevor in der 94. Minute der Schiedsrichter neben dem Beratungstisch steht und Rot wegen Spielverzögerung zeigt. 🟥
Wenn die Zeit begrenzt ist, stellt sich aber eine zweite Frage:
Was packen wir eigentlich hinein?
Das Hauptthema natürlich. Dafür ist der Kunde gekommen.
Finanzierung der Ferienwohnung? Dann finanzieren wir die Ferienwohnung. Und wenn das 43 Minuten dauert, beginnen wir danach bitte nicht spontan mit einer umfassenden Finanzplanung inklusive Frühpensionierung, Nachlassplanung und Stammbaum.
Sonst sind wir schneller wieder in der Nachspielzeit, als uns lieb ist.
Aber: Wenn der Kunde schon vor mir sitzt, wäre es doch ziemlich schade, nur genau das Problem zu lösen, wegen dem er gekommen ist.
Wir kennen ihn. Wir haben Fragen gestellt. Wir haben seine Bedürfnisse evaluiert. Im Idealfall wissen wir deshalb von einem weiteren Problem, bei dem wir helfen können.
Und – welch glücklicher Zufall – betriebswirtschaftlich wäre das für die Bank möglicherweise auch nicht völlig uninteressant.
Nennen wir es einfach Cross-Selling
Man kann natürlich zwischen Cross-Selling, Up-Selling, Customer Value Development und Share of Wallet Growth unterscheiden.
Kann man.
Ich nenne es hier summarisch Cross-Selling. Wem das nicht präzise genug ist, dem passt es halt nicht.
Viel wichtiger ist:
Ist das nächste Thema gross oder klein?
Der Kunde hat irgendwann erwähnt, dass er mit 60 in Pension gehen möchte?
Grosses Thema.
Dann könnte ich sagen:
„Wenn ich Sie schon hier habe: Sie haben doch einmal Ihre Frühpensionierung angesprochen. Wir können ziemlich genau berechnen, ob und unter welchen Voraussetzungen das funktioniert. Wäre das für Sie interessant, würde ich dafür einen separaten Termin vereinbaren.“
Fertig.
Das Verkaufsziel ist jetzt der nächste Termin. Nicht die zweite Beratung.
Anders bei einem kleinen Thema.
Der Kunde hat erzählt, dass sein Flug vier Stunden verspätet war und er ewig am Flughafen herumgesessen ist?
Und mit der Platinum-Karte hätte er Lounge-Zugang?
Dann kann ich die Lösung jetzt anbieten.
Im Grunde funktioniert beides gleich:
- „Wenn ich Sie schon hier habe, hätte ich noch etwas Kleines.“
Entwarnung. Keine weiteren 48 Minuten. - „Sie haben mir doch erzählt, dass …“
Anknüpfung an ein echtes Bedürfnis. - „Dafür hätten wir folgende Lösung …“
Kurz pitchen. Nutzen erklären. Abschlussfrage.
Drei Minuten.
„Dafür habe ich keine Zeit.“
Doch.
Diese drei Minuten gehören vermutlich zu den effizientesten Vertriebsminuten des Tages.
Alternative: CRM öffnen. Kunde auswählen. Vorbereiten. Telefonnummer suchen. Anrufen.
Keine Antwort.
Nochmals anrufen.
Mailbox.
Vielleicht nächste Woche. Kein Interesse.
Hier sitzt der Kunde bereits vor mir. Und er hat mir im besten Fall gerade selbst erzählt, welches Problem ich für ihn noch lösen könnte.
Wärmer wird ein Lead kaum.
Und jetzt kommt das eigentlich Schöne
Ein passendes Zusatzangebot ist eben nicht lästiges Verkaufen.
Es ist aufmerksamen Service.
Forschung zu Zusatzempfehlungen zeigt gerade, wie entscheidend die Relevanz des Angebots für die Kundenreaktion ist: Passende Empfehlungen werden anders wahrgenommen als irgendwelche ungefragten Produkte. (ResearchGate)
Und genau hier haben wir in einer guten Beratung einen gewaltigen Vorteil:
Wir müssen nicht raten, was relevant sein könnte.
Wir kennen den Kunden. Wir haben seine Situation analysiert. Wir haben nach Zielen, Wünschen und Problemen gefragt.
Wenn wir danach immer noch irgendein Produkt aus dem Aktionskatalog ziehen, haben wir vermutlich an anderer Stelle ein Problem.
Der gute Kleiderverkäufer macht es seit Jahrzehnten vor.
Ich kaufe einen Anzug. Er weiss, wofür ich ihn brauche, schaut auf meine Schuhe und sagt:
„Dazu würde dieser Schuh hervorragend passen. Soll ich Ihnen den einmal bringen?“
Vielleicht kaufe ich ihn.
Vielleicht nicht.
Aber ich denke kaum:
Unverschämtheit! Was für eine Frechheit. Dieser Mann erdreistet sich, zu bemerken, was ich brauche.
Im besten Fall denke ich:
Aufmerksam. Der denkt mit.
Und genau das sollte Cross-Selling sein.
Nicht:
„Was könnte ich diesem Kunden noch andrehen?“
Sondern:
„Welches Problem dieses Kunden könnte ich gerade noch lösen?“
Und ganz am Schluss bitte noch zwei, drei Minuten Reserve für den administrativen Kleinkram.
Denn nach all der Kundenorientierung wäre es etwas peinlich, vier Tage später anzurufen:
„Herr Müller, ganz kleine Sache noch … uns fehlt noch Ihre Unterschrift.“
Das wäre dann kein Cross-Selling.
Das wäre einfach nur schlecht organisiert. 😇









