Die Gipfelnacht am Kilimanjaro beginnt nicht einfach mit einem Aufstieg. Sie beginnt mit einer stillen Form von Selbsttäuschung. Denn auf dem Papier klingt das alles noch halbwegs vernünftig. Man startet auf rund 4’600 Metern, steigt auf knapp 5’900 hoch, und wer schon einmal von Vitznau auf die Rigi gewandert ist, könnte versucht sein zu denken: Ja gut, steil ist steil. Haben andere auch geschafft. Wird streng, aber machbar. Das ist nicht komplett falsch. Aber eben auch nicht besonders präzise.
Denn der kleine Unterschied ist: Am Kilimanjaro startet man diese Wanderung nicht ausgeshclafen nach einem Kaffee am See, sondern nach vier Tagen Wandern, eher mässig rsp. gar nicht geduscht, leicht ziemlich vorermüdet und in einer Höhe, in der der Körper schon im Ruhezustand dezent beleidigt ist. Die Luft ist dünner, die Atmung kürzer, der Magen sensibler, die Nacht kälter, und los geht das Ganze um Mitternacht. Ungefähr dann, wenn man in Arosa bei ähnlichem Allgemeinzustand eher beschlossen hätte, den nächsten Skitag grosszügig auszulassen und mit dem Leben noch etwas unter der Decke und in der Nähe der Toilette zu verhandeln.
Und dann läufst du los. Um Mitternacht. Nach oben. Und wenn du oben bist, gehst du nicht etwa elegant in einen Wellnessbereich über, sondern wieder runter. Insgesamt ergibt das ungefähr 14 Stunden Wanderschaft. An einem Stück. Unter Bedingungen, bei denen schon sauberes Atmen stellenweise als erwähnenswerte Leistung durchgeht.
Spätestens kurz vor dem Abmarsch fand ich es sinnvoll, mit mir selbst eine Vereinbarung zu treffen. Keine motivierende. Keine heroische. Sondern eine nüchterne.
Ich dachte über die schlimmstmöglichen Szenarien für diese Nacht nach.

Ich rechnete damit, dass mich der Guide rausnimmt. Er trägt Verantwortung. Und er ist berechtigt dazu.
Ich rechnete damit, dass ich mich selber rausnehme. Auch ich trage Verantwortung. Und auch ich bin berechtigt dazu.
Ich rechnete damit, mich zu übergeben zu kotzen. Das passierte bei mir zwar nicht, aber ich habe es bei anderen durchaus beobachtet. Der Körper führt in dieser Höhe gelegentlich sehr direkte Feedbackgespräche.
Und ja, ich rechnete sogar damit, mich einzuscheissen. Das ist nicht passiert. Ich habe es auch nicht aktiv miterlebt. Aber ab einer gewissen Höhe und Belastung wäre es schlicht grössenwahnsinnig, so zu tun, als lägen alle denkbaren Eskalationsstufen ausserhalb des realistischen Bereichs.
Warum ist das hilfreich? Weil Schreckensszenarien einen Teil ihres Schreckens verlieren, sobald man sie einmal sauber zu Ende denkt.
Was wäre denn im schlimmsten Fall passiert? Ich wäre nicht Finisher geworden. Ich wäre umgedreht. Vielleicht frierend, vielleicht fluchend, vielleicht mit angekratztem Stolz und unerquicklich leerem Magen. Aber die Welt hätte sich weitergedreht. Mit mir drauf. Einfach ohne Gipfelfoto und mit etwas weniger Heldenmaterial für spätere Vorträge. Wobei ja auch „ich bin gescheitert und das hat mich so stark gemacht“-Vorträge gerade total en vogue sind.
Und genau das war entlastend. Nicht, weil mir der Gipfel plötzlich egal war. Sondern weil der Druck kleiner wurde. Wer so tut, als sei Scheitern undenkbar, macht aus jedem Risiko ein Drama. Wer den Worst Case einmal gedanklich durchgeht, stellt oft fest: Schön wäre er nicht. Aber apokalyptisch auch nicht.
Das gilt im Berufsleben ganz genauso.
Vielleicht klappt es nicht mit dem grossen Auftrag. Dann fällt der Bonus tiefer aus. Vielleicht klappt es nicht mit der Beförderung. Dann bleibt der Titel vorerst gleich und das Ego muss sich anderweitig beschäftigen.
Vielleicht geht die Bank unter, für die man arbeitet. Ich habe das im Übrigen nicht nur theoretisch kennengelernt: Drei meiner vier Arbeitgeber existieren heute nicht mehr. Zweimal war ich beim Niedergang ziemlich nah dabei. Auch das ist unerquicklich. Aber nicht das Ende der Welt. Für viele sogar die sich plötzlich ergebende Chance, die grosse weite Welt der beruflichen Perspektiven zu erkunden.
Vielleicht beginnt man eine Weiterbildung und schliesst sie nie ab. Nicht ideal. Aber wenn man sie gar nie begonnen hätte, hätte man sie ebenfalls nie abgeschlossen – einfach ohne Erfahrung und ohne Stoff für spätere kluge Rückblicke.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie verhindere ich jeden denkbaren Misserfolg? Die entscheidende Frage lautet: Was wäre eigentlich, wenn er trotzdem eintritt? Wenn die ehrliche Antwort lautet: unerquicklich, peinlich, teuer, mühsam – aber nicht existenziell vernichtend, dann verliert das Szenario Macht. Und genau das macht handlungsfähig.
Meine Erkenntnis Nummer 11 lautet deshalb: Rechne mit dem Schlimmsten.
Nicht, um pessimistisch zu werden. Sondern um ruhiger zu werden. Male dir den Worst Case aus. Denk ihn fertig. Prüfe seine Konsequenzen. Und frage dich ehrlich, ob sich die Welt danach weiterdrehen würde. In den meisten Fällen lautet die Antwort: ja.
Und genau das ist die gute Nachricht. Denn wer akzeptiert, dass selbst ein schlechter Ausgang meistens überlebbar ist, kann ambitioniert bleiben, ohne zu verkrampfen. Er kann alles dafür tun, dass der Worst Case nicht eintritt – aber ohne diesen hysterischen Unterton, als hinge das gesamte Universum am Ausgang eines Kundengesprächs, einer Beförderungsrunde oder einer Nacht, in der schon Nicht-Kotzen als Teilerfolg gelten darf.
Oder anders gesagt: Der Worst Case ist selten schön. Aber meistens deutlich weniger dramatisch, als unser Kopf ihn in einer stillen Minute mit viel zu viel Fantasie und deutlich zu wenig Sauerstoff inszeniert.
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