Wir reden im Banking gerne darüber, was wir Kunden alles erzählen sollen. Und welche tolle Hilfsmittel wir haben. Und unser Beratungsprozess erst.
Vielleicht sollten wir öfter darüber reden, wann wir wieder aufhören.
Denn nur weil Outlook Termine in hübschen 60-Minuten-Blöcken anbietet, ist das noch keine wissenschaftlich validierte Beratungsmethode.
📞 Telefon: kurz. Wirklich kurz.
Das Telefon ist für mich perfekt für eine Terminvereinbarung oder ein kleines, unkompliziertes Geschäft:
„Sie haben wieder Liquidität aufgebaut. Wollen wir Ihr Mandat um CHF 20’000 erhöhen?“
Bei einem Schnellentscheider vielleicht auch einmal eine einfache Hypothekarverlängerung.
Meine völlig unwissenschaftliche Praxisregel:
Terminvereinbarung: maximal 2 Minuten.
Kundentelefonat: allerallerhöchstens 10 Minuten.
Dauert es länger, war vermutlich nicht das Gespräch zu kurz, sondern der Kanal falsch gewählt.
Dazu passt eine grosse Untersuchung von über 75’000 Kundenkontakten ziemlich gut: Kunden wollen bei Servicekontakten vor allem, dass ihr Anliegen einfach und mit möglichst wenig Aufwand erledigt wird. Mehr „Wow“, mehr Zusatzleistung und mehr Gespräch schaffen nicht automatisch mehr Loyalität. (Harvard Business Review Store)
Oder etwas weniger wissenschaftlich:
Kein Mensch hat jemals nach einer 17-minütigen Terminvereinbarung aufgelegt und gedacht: Wow, was für ein grandioses Erlebnis.
Ich habe übrigens einmal eine Stelle abgesagt, nachdem die reine Terminvereinbarung mit meiner potenziellen Vorgesetzten 20 Minuten gedauert hatte.
Mein Gedanke:
Wenn bei der schon die Terminvereinbarung 20 Minuten dauert – wie lange dauert dann eine Sitzung?
Ich wollte es nicht herausfinden. Und habe es darum nie herausgefunden.
🤝 Persönlich: eine Stunde ist eine gute Ansage
Neufinanzierung. Finanzplanung. Geldanlage nach einem Liegenschaftsverkauf.
Komplexere Themen, bei denen wir visualisieren, erklären, Vertrauen aufbauen und tatsächlich einmal die volle Aufmerksamkeit des Kunden brauchen.
Dafür lohnt sich das persönliche Gespräch.
Und hier wird es interessant: Eine wissenschaftliche Untersuchung von 2’378 realen Anlageberatungsgesprächen fand eine durchschnittliche Dauer von rund 43 Minuten, der Median lag bei 45 Minuten. Drei Viertel waren nach spätestens 60 Minuten beendet.
Meine Praxisregel:
Eine Stunde ankündigen.
Sind wir nach 45 Minuten fertig: grossartig.
Die restlichen 15 Minuten müssen nicht aufgefüllt werden mit sinnbefreiten Ausführungen.
Hat der Kunde viele Fragen, können es auch einmal 75 Minuten werden. Spätestens dann gehört der Rest in einen Folgetermin.
Denn irgendwann wird aus
„Wir nehmen uns Zeit für Sie“ leider „Wir nehmen Ihnen Zeit weg.“
💻 Remote: 45 Minuten. Punkt.
Remote ist der Hybrid.
Nicht ganz die Ambiance und Vertrauensbildung eines persönlichen Gesprächs, kein liebevoll mit einem Schöggeli dekorierter Kaffee. Dafür viel einfacher zu organisieren – gerade wenn beide Partner teilnehmen sollen, die selbstverständlich beide wahnsinnig viel arbeiten und in den nächsten sechs Wochen exakt am Donnerstag zwischen 17:15 und 17:45 Uhr gleichzeitig verfügbar sind.
Die Zeit ist reserviert, wir können visualisieren und – wenn Bank, Technik und Kunde kooperieren – sogar direkt abschliessen.
Meine Regel:
45 Minuten ankündigen. Und nach 45 Minuten aufhören.
Das passt erstaunlich gut zur Forschung: Eine Untersuchung von 945 Meetings fand Videomeetings von unter 44 Minuten weniger ermüdend als längere.
Und wann ist nun zu lange?
Die perfekte Zahl gibt es nicht.
Eine weitere Analyse von 30’000 Erstgesprächen fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Gesprächsdauer und der Wahrscheinlichkeit eines zweiten Meetings. Interessenten erschienen aber zu angesetzten 30-Minuten-Terminen 12 % häufiger als zu 60-Minuten-Terminen.
Vielleicht ist „mehr Zeit für den Kunden“ eben nicht automatisch mehr Kundenorientierung.
Irgendwann nimmt der Kunde nichts mehr auf. Irgendwann entscheidet er nichts mehr. Und irgendwann nickt er nur noch.
Nicht aus Zustimmung. Sondern weil er hofft, dass wir dann endlich aufhören. Ihn endlich erlösen. Ihn doch wieder gehen lassen und nicht für immer festhalten.
Meine Richtwerte:
📞 Terminvereinbarung: 2 Minuten
📞 Telefon: max. 10 Minuten
💻 Remote: 45 Minuten
🤝 Persönlich: 60 Minuten – mit etwas Luft
Und ja: Ich bin Trainer und Dozent.
Ich gehöre beruflich zur Hochrisikogruppe für Menschen, die nach 55 Minuten sagen: „Einen Punkt habe ich noch.“
Vielleicht beschäftigt mich das Thema deshalb.
Denn wir können 90 Minuten (+Nachspielzeit, aber das hier ist nicht Fussball) brillant beraten, jedes Detail erklären und wirklich alles richtig machen.
Und der Kunde schliesst danach bei der Konkurrenz ab.
Weil die nach 45 Minuten fertig war.
Manchmal ist kürzer nicht weniger Beratung.
Sondern schlicht kundenfreundlicher.









