Oder: Wie aus einer simplen Online-Abholung eine kleine Weiterbildung in Kundenorientierung wurde.
Ich wollte etwas im Baumarkt kaufen. Online bestellen, vor Ort abholen, weiter zum nÀchsten Termin. Klingt unkompliziert. Sollte es auch sein. WÀre es auch gewesen.
Spoiler: Es wurde komplizierter. Und lehrreicher.
Den Namen des Baumarkts und den Standort verrate ich ĂŒbrigens bewusst nicht. Ich bin dem Unternehmen grundsĂ€tzlich sehr wohlgesinnt. Und es geht mir nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern darum, was wir aus solchen Erlebnissen lernen können. Das Orange meines Overalls gibt keinen Hinweis, es ist nur zufĂ€llig meine Lieblingsfarbe (und steht mir – wie ich finde – unverschĂ€mt gut).
Station 1: Die Schnitzeljagd đșïž
An der Information wurde meine BestellbestÀtigung gegen einen Abholschein eingetauscht. Damit sollte ich zur Warenausgabe.
Diese heisst lustigerweise «Warenannahme».
Nun gut. Vielleicht betrachtet man dort die Welt konsequent aus Sicht der Ware. Egal, ich habe sie im zweiten Anlauf trotz diskreter Beschriftung gefunden.
DafĂŒr stand das Tor zum Lager einladend weit offen.
Direkt beim Eingang: ein Arbeitsplatz mit einem eingeschalteten, nicht gesperrten Bildschirm. Von Mitarbeitenden weit und breit keine Spur.
Ich ĂŒberlegte kurz, ob ich die Gelegenheit nutzen und dort meine E-Mails bearbeiten sollte. Schliesslich war der Arbeitsplatz ja offenbar frei.
Leider hatte ich keine Zeit. Und das Schild «Kein Zutritt fĂŒr Kunden» entdeckte ich dann auch noch. Also schnell wieder raus.
.Immerhin fand ich eine Klingel. Nicht beschriftet, aber da es die einzige war, vermutete ich, dass man sich hier meldet.
Station 2: Kundenorientierung auf Schweizerdeutsch đ
Ich klingelte.
Die Antwort aus dem Lager:
Jetzt mĂŒend Sie gfĂ€lligscht warte!
Hoppla. Offenbar war ich zur ungĂŒnstigsten Zeit gekommen: wĂ€hrend der Arbeitszeit.
Weil mein nÀchster Termin nicht auf die Geduldsprobe vorbereitet war, erlaubte ich mir nach einer Weile, nochmals zu klingeln.
Jetzt höred Sie mal uf! Sie chönd ja wohl no es paar Minute warte!
Ich wollte wissen, wie viele Minuten «es paar» denn ungefÀhr seien.
Keine Antwort.
Schade. Ich hÀtte meine Wartezeit gerne etwas professioneller geplant.
Also ging ich. Ohne Ware, aber mit einer neuen Geschichte fĂŒr meinen Blog.
Station 3: Das Callcenter â freundlich, aber machtlos âïž
Auf dem Weg zum Termin rief ich den Kundendienst an.
Eine ausgesprochen freundliche Mitarbeiterin hörte mir geduldig zu. Sie erklÀrte mir, man erhalte hÀufig Reklamationen wegen Online-Bestellungen, die nicht angekommen seien.
Interessant.
Meine Bestellung war nĂ€mlich angekommen. Ich hatte eine BestĂ€tigung und sogar einen RĂŒstschein. Nur zur Ware selbst war ich nicht vorgedrungen. Aber da war ich offenbar schon bedeutend weiter als andere.
Die Mitarbeiterin wollte meine RĂŒckmeldung aufnehmen und weiterleiten.
«Bekomme ich dann eine RĂŒckmeldung?»
Nein.
«Ich hÀtte aber gerne eine.»
Sie könne das vermerken. Garantieren könne sie nichts.
Wenn ich eine Antwort wolle, mĂŒsse ich ein Kontaktformular ausfĂŒllen.
Wir verabschiedeten uns freundlich. Ich wartete auf den RĂŒckruf, den ich mir gewĂŒnscht hatte.
Station 4: Das Phantom-Kontaktformular đ»
Drei Tage spÀter: Funkstille.
Also suchte ich das Kontaktformular. Ich wollte ja eine RĂŒckmeldung. Oder eher: ich wollte schauen, ob der Reklamationsprozess wirklich so schlecht ist, wie mir langsam dĂ€mmerte.
Ich suchte. Und suchte. Und stellte irgendwann fest: Das versprochene Formular scheint gar nicht zu existieren.
Immerhin fand ich eine E-Mail-Adresse.
Meine freundliche Nachfrage wurde rasch beantwortet. Noch am selben Tag rief mich der Filialleiter persönlich an.
Wiederum sehr freundlich. Er bedankte sich herzlich fĂŒr meine RĂŒckmeldung.
Und bestÀtigte mir nebenbei zwei interessante Dinge:
- Die Beschilderung sei tatsĂ€chlich unglĂŒcklich. Das hĂ€tten schon andere Kunden bemĂ€ngelt.
- RĂŒckmeldungen aus dem Callcenter wĂŒrden ihn hĂ€ufig gar nicht erreichen. Ich hĂ€tte besser direkt die Filiale angerufen.
Aha.
Der Kunde kennt also idealerweise nicht nur die internen AblÀufe, sondern weiss auch, welche Kommunikationswege im Unternehmen funktionieren.
Das hĂ€tte man mir natĂŒrlich schon bei der Bestellung mitteilen können. đ
Station 5: Happy End mit Zusatzkilometern đ
Fast hÀtte ich es vergessen: Meine Ware habe ich tatsÀchlich noch bekommen!
Noch am selben Tag unternahm ich eine zweite Reise zum Baumarkt. Diesmal funktionierte die Ăbergabe problemlos und ausgesprochen freundlich.
Es geht also durchaus!
Einziger kleiner Schönheitsfehler: FĂŒr eine Bestellung mit Abholung benötigte ich zwei Anreisen.
Vielleicht sollte man das kĂŒnftig als zusĂ€tzliches Fitnessangebot vermarkten. «Click & Collect & Come Back». đ
Was ich aus meinem kleinen Baumarkt-Abenteuer mitnehme
Ich habe ĂŒberwiegend freundliche Menschen im Kundendienst, bei der WarenĂŒbergabe und in der Filialleitung erlebt. Und jemanden im Lager, der vermutlich gerade einen wirklich schlechten Tag hatte.
Das kann passieren.
Was mich beschÀftigt, ist deshalb weniger dieser einzelne unfreundliche Moment. Es ist die Kombination aus kleinen und grossen organisatorischen SchwÀchen.
Meine vier Empfehlungen an alle BaumÀrkte dieser Welt. Und eigentlich an alle Dienstleister.
1. Regeln sind keine Dekoration. đ
Ein ungesperrter Bildschirm im frei zugÀnglichen Lager ist nicht bloss ein IT-Thema. Er vermittelt dem Kunden auch einen Eindruck davon, wie ernst ein Unternehmen seine eigenen Regeln nimmt.
2. Stress ist keine Entschuldigung fĂŒr Unfreundlichkeit.
Auch wer keine Zeit hat, kann freundlich sein. Ein hastiges «Entschuldigung, ich bin gerade beschĂ€ftigt, in fĂŒnf Minuten bin ich bei Ihnen» dauert kaum lĂ€nger als ein Anschiss. Die Wirkung ist allerdings eine völlig andere.
3. FĂŒhrungskrĂ€fte mĂŒssen nicht nur zuhören, sondern etwas verĂ€ndern können.
Wenn mehrere Kunden dieselbe unklare Beschilderung bemÀngeln, ist die nÀchste Massnahme eigentlich offensichtlich.
Ein freundliches «Danke fĂŒr Ihren Hinweis» ist nett. Ein ausgewechseltes Schild wĂ€re besser.
4. Kundenfeedback braucht einen funktionierenden Kreislauf. đ
Wer Reklamationen entgegennimmt, muss sie weiterleiten können. Wer eine RĂŒckmeldung verspricht oder in Aussicht stellt, muss dafĂŒr einen funktionierenden Prozess haben.
Sonst wird aus Beschwerdemanagement eine professionelle Form der BeschÀftigungstherapie.
Mein Fazit
Ich habe beim Baumarkt eine Ware bestellt.
Bekommen habe ich einen Abholschein, zwei unfreundliche Durchsagen, ein offenbar nicht existentes Kontaktformular, mehrere freundliche GesprÀche und schliesslich sogar meine Ware.
DafĂŒr brauchte es zwei Anreisen und etwas mehr Geduld als ursprĂŒnglich budgetiert.
Kundenorientierung zeigt sich nicht auf der Website, in Leitbildern oder in HochglanzbroschĂŒren. Sondern genau dort, wo es gerade stressig, unbequem oder kompliziert wird.
Und eines sollte man sich als Unternehmen immer wieder vor Augen fĂŒhren:
Eigentlich nicht sooo schwierig, oder?
Der Kunde hat keine Ahnung von euren internen Prozessen. Und es ist auch nicht seine Aufgabe, sie zu verstehen. Weil es ihn schlicht nicht interessiert. Und auch nicht interessieren soll.
P.S. Dem Baumarkt bleibe ich weiterhin wohlgesinnt. Und ich komme bestimmt wieder. Hoffentlich beim nĂ€chsten Mal nur einmal. đ









