Willkommen im Baumarkt. Haben Sie gefĂ€lligst Geduld! đŸ”š

Oder: Wie aus einer simplen Online-Abholung eine kleine Weiterbildung in Kundenorientierung wurde.

Ich wollte etwas im Baumarkt kaufen. Online bestellen, vor Ort abholen, weiter zum nÀchsten Termin. Klingt unkompliziert. Sollte es auch sein. WÀre es auch gewesen.

Spoiler: Es wurde komplizierter. Und lehrreicher.

Den Namen des Baumarkts und den Standort verrate ich ĂŒbrigens bewusst nicht. Ich bin dem Unternehmen grundsĂ€tzlich sehr wohlgesinnt. Und es geht mir nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern darum, was wir aus solchen Erlebnissen lernen können. Das Orange meines Overalls gibt keinen Hinweis, es ist nur zufĂ€llig meine Lieblingsfarbe (und steht mir – wie ich finde – unverschĂ€mt gut).

Station 1: Die Schnitzeljagd đŸ—ș

An der Information wurde meine BestellbestÀtigung gegen einen Abholschein eingetauscht. Damit sollte ich zur Warenausgabe.

Diese heisst lustigerweise «Warenannahme».

Nun gut. Vielleicht betrachtet man dort die Welt konsequent aus Sicht der Ware. Egal, ich habe sie im zweiten Anlauf trotz diskreter Beschriftung gefunden.

DafĂŒr stand das Tor zum Lager einladend weit offen.

Direkt beim Eingang: ein Arbeitsplatz mit einem eingeschalteten, nicht gesperrten Bildschirm. Von Mitarbeitenden weit und breit keine Spur.

Ich ĂŒberlegte kurz, ob ich die Gelegenheit nutzen und dort meine E-Mails bearbeiten sollte. Schliesslich war der Arbeitsplatz ja offenbar frei.

Leider hatte ich keine Zeit. Und das Schild «Kein Zutritt fĂŒr Kunden» entdeckte ich dann auch noch. Also schnell wieder raus.

.Immerhin fand ich eine Klingel. Nicht beschriftet, aber da es die einzige war, vermutete ich, dass man sich hier meldet.

Station 2: Kundenorientierung auf Schweizerdeutsch 🔔

Ich klingelte.

Die Antwort aus dem Lager:

Jetzt mĂŒend Sie gfĂ€lligscht warte!

Hoppla. Offenbar war ich zur ungĂŒnstigsten Zeit gekommen: wĂ€hrend der Arbeitszeit.

Weil mein nÀchster Termin nicht auf die Geduldsprobe vorbereitet war, erlaubte ich mir nach einer Weile, nochmals zu klingeln.

Jetzt höred Sie mal uf! Sie chönd ja wohl no es paar Minute warte!

Ich wollte wissen, wie viele Minuten «es paar» denn ungefÀhr seien.

Keine Antwort.

Schade. Ich hÀtte meine Wartezeit gerne etwas professioneller geplant.

Also ging ich. Ohne Ware, aber mit einer neuen Geschichte fĂŒr meinen Blog.

Station 3: Das Callcenter – freundlich, aber machtlos ☎

Auf dem Weg zum Termin rief ich den Kundendienst an.

Eine ausgesprochen freundliche Mitarbeiterin hörte mir geduldig zu. Sie erklÀrte mir, man erhalte hÀufig Reklamationen wegen Online-Bestellungen, die nicht angekommen seien.

Interessant.

Meine Bestellung war nĂ€mlich angekommen. Ich hatte eine BestĂ€tigung und sogar einen RĂŒstschein. Nur zur Ware selbst war ich nicht vorgedrungen. Aber da war ich offenbar schon bedeutend weiter als andere.

Die Mitarbeiterin wollte meine RĂŒckmeldung aufnehmen und weiterleiten.

«Bekomme ich dann eine RĂŒckmeldung?»

Nein.

«Ich hÀtte aber gerne eine.»

Sie könne das vermerken. Garantieren könne sie nichts.

Wenn ich eine Antwort wolle, mĂŒsse ich ein Kontaktformular ausfĂŒllen.

Wir verabschiedeten uns freundlich. Ich wartete auf den RĂŒckruf, den ich mir gewĂŒnscht hatte.

Station 4: Das Phantom-Kontaktformular đŸ‘»

Drei Tage spÀter: Funkstille.

Also suchte ich das Kontaktformular. Ich wollte ja eine RĂŒckmeldung. Oder eher: ich wollte schauen, ob der Reklamationsprozess wirklich so schlecht ist, wie mir langsam dĂ€mmerte.

Ich suchte. Und suchte. Und stellte irgendwann fest: Das versprochene Formular scheint gar nicht zu existieren.

Immerhin fand ich eine E-Mail-Adresse.

Meine freundliche Nachfrage wurde rasch beantwortet. Noch am selben Tag rief mich der Filialleiter persönlich an.

Wiederum sehr freundlich. Er bedankte sich herzlich fĂŒr meine RĂŒckmeldung.

Und bestÀtigte mir nebenbei zwei interessante Dinge:

  • Die Beschilderung sei tatsĂ€chlich unglĂŒcklich. Das hĂ€tten schon andere Kunden bemĂ€ngelt.
  • RĂŒckmeldungen aus dem Callcenter wĂŒrden ihn hĂ€ufig gar nicht erreichen. Ich hĂ€tte besser direkt die Filiale angerufen.

Aha.

Der Kunde kennt also idealerweise nicht nur die internen AblÀufe, sondern weiss auch, welche Kommunikationswege im Unternehmen funktionieren.

Das hĂ€tte man mir natĂŒrlich schon bei der Bestellung mitteilen können. 😉

Station 5: Happy End mit Zusatzkilometern 🚗

Fast hÀtte ich es vergessen: Meine Ware habe ich tatsÀchlich noch bekommen!

Noch am selben Tag unternahm ich eine zweite Reise zum Baumarkt. Diesmal funktionierte die Übergabe problemlos und ausgesprochen freundlich.

Es geht also durchaus!

Einziger kleiner Schönheitsfehler: FĂŒr eine Bestellung mit Abholung benötigte ich zwei Anreisen.

Vielleicht sollte man das kĂŒnftig als zusĂ€tzliches Fitnessangebot vermarkten. «Click & Collect & Come Back». 😉

Was ich aus meinem kleinen Baumarkt-Abenteuer mitnehme

Ich habe ĂŒberwiegend freundliche Menschen im Kundendienst, bei der WarenĂŒbergabe und in der Filialleitung erlebt. Und jemanden im Lager, der vermutlich gerade einen wirklich schlechten Tag hatte.

Das kann passieren.

Was mich beschÀftigt, ist deshalb weniger dieser einzelne unfreundliche Moment. Es ist die Kombination aus kleinen und grossen organisatorischen SchwÀchen.

Meine vier Empfehlungen an alle BaumÀrkte dieser Welt. Und eigentlich an alle Dienstleister.

1. Regeln sind keine Dekoration. 🔒

Ein ungesperrter Bildschirm im frei zugÀnglichen Lager ist nicht bloss ein IT-Thema. Er vermittelt dem Kunden auch einen Eindruck davon, wie ernst ein Unternehmen seine eigenen Regeln nimmt.

2. Stress ist keine Entschuldigung fĂŒr Unfreundlichkeit.

Auch wer keine Zeit hat, kann freundlich sein. Ein hastiges «Entschuldigung, ich bin gerade beschĂ€ftigt, in fĂŒnf Minuten bin ich bei Ihnen» dauert kaum lĂ€nger als ein Anschiss. Die Wirkung ist allerdings eine völlig andere.

3. FĂŒhrungskrĂ€fte mĂŒssen nicht nur zuhören, sondern etwas verĂ€ndern können.

Wenn mehrere Kunden dieselbe unklare Beschilderung bemÀngeln, ist die nÀchste Massnahme eigentlich offensichtlich.

Ein freundliches «Danke fĂŒr Ihren Hinweis» ist nett. Ein ausgewechseltes Schild wĂ€re besser.

4. Kundenfeedback braucht einen funktionierenden Kreislauf. 🔄

Wer Reklamationen entgegennimmt, muss sie weiterleiten können. Wer eine RĂŒckmeldung verspricht oder in Aussicht stellt, muss dafĂŒr einen funktionierenden Prozess haben.

Sonst wird aus Beschwerdemanagement eine professionelle Form der BeschÀftigungstherapie.

Mein Fazit

Ich habe beim Baumarkt eine Ware bestellt.

Bekommen habe ich einen Abholschein, zwei unfreundliche Durchsagen, ein offenbar nicht existentes Kontaktformular, mehrere freundliche GesprÀche und schliesslich sogar meine Ware.

DafĂŒr brauchte es zwei Anreisen und etwas mehr Geduld als ursprĂŒnglich budgetiert.

Kundenorientierung zeigt sich nicht auf der Website, in Leitbildern oder in HochglanzbroschĂŒren. Sondern genau dort, wo es gerade stressig, unbequem oder kompliziert wird.

Und eines sollte man sich als Unternehmen immer wieder vor Augen fĂŒhren:

Eigentlich nicht sooo schwierig, oder?

Der Kunde hat keine Ahnung von euren internen Prozessen. Und es ist auch nicht seine Aufgabe, sie zu verstehen. Weil es ihn schlicht nicht interessiert. Und auch nicht interessieren soll.

P.S. Dem Baumarkt bleibe ich weiterhin wohlgesinnt. Und ich komme bestimmt wieder. Hoffentlich beim nĂ€chsten Mal nur einmal. 😇

Mein Ex-Chef lĂ€sst es krachen (und stĂŒrmt die Bestsellerliste – das Finale von «Operation Tiefer Dorn»

Heute mal nichts zu Verkauf, Beratung und Verhandlung, heute wieder einmal ein Buchkritik, wohl meine letzte, also geniesst sie. Also doch ein wenig Verkauf: Das neue Buch ist in der ersten Woche auf Platz 18 der Schweizer Bestsellerliste eingestiegen. Warum es als Taschenbuch in der Kategorie Bellestritik Hardcover gefĂŒhrt wird, wissen wohl die Götter. Oder falls es jemand weiss, ich freue mich ĂŒber AufklĂ€rung!

Es gibt BĂŒcher, die liest man gemĂŒtlich ĂŒber mehrere Wochen. Und es gibt BĂŒcher, bei denen man nach 48 Stunden auf der letzten Seite ankommt und sich fragt, wo eigentlich das Wochenende geblieben ist.

Â«Ăœberfall», der dritte Band von Matthias Vetschs Trilogie «Operation Tiefer Dorn», gehört zur zweiten Kategorie. Knapp 500 Seiten in zwei Tagen. Trotz einer kompletten Runde der Fussball-Super-League. Wer mich kennt, weiss: Das ist eine ziemlich aussagekrĂ€ftige Literaturkritik.

Aber der Reihe nach. Schliesslich schliessen wir hier einen Kreis. Literarisch. Sicherheitspolitisch. Und fĂŒr meine ĂŒberschaubare Karriere als Feuilletonist.

Bei Band 1war ich noch der frisch gebackene Buchkritiker, der vorsichtshalber freundlich ĂŒber seinen ehemaligen Chef schrieb. Man weiss ja nie. Inzwischen sind wir bei der dritten Rezension angekommen. Die BefĂŒrchtung, Matthias könnte nochmals mein Vorgesetzter werden, wird langsam kleiner. Die Bewunderung fĂŒr seine BĂŒcher grösser.

Vom Warmlaufen zum Überfall

«Aufmarsch» war gewissermassen das Warmlaufen: ein liebevoller, stellenweise aber auch ziemlich brutaler Blick auf unsere Armee. Man erkannte einiges wieder, schmunzelte gelegentlich und dachte am Schluss: Irgendwie kommt das dann schon gut.

Band 2, «Infiltration», legte eine ordentliche Schippe drauf. Und gerade als man sich wieder auf ein erleichtertes Durchatmen einstellen wollte, merkte man: Moment. Das hier beruhigt sich ĂŒberhaupt nicht. Das eskaliert gerade erst richtig.

Band 3 ist nun der lauteste Teil dieses Crescendos. Nicht nur, weil tatsĂ€chlich geschossen und gesprengt wird. Auch der Druck steigt. Was zuvor vorbereitet, eingefĂ€delt und unterwandert wurde, entfaltet seine Wirkung. Und die Vorstellung, man könne das alles mit einer weiteren Sitzung noch irgendwie einfangen, wird zunehmend ungemĂŒtlich.

Mehr zur Handlung verrate ich nicht. Wer wissen möchte, wie Matthias die Sache zu Ende bringt, muss selber lesen. Ich hatte jedenfalls erhebliche Schwierigkeiten, damit aufzuhören.

1997 hatte ich da schon eine Frage

Beim Lesen musste ich an meine Rekrutenschule denken. 1997. Der Kalte Krieg war erst wenige Jahre vorbei, die Armee im Vergleich zu heute noch gross und wohl auch wesentlich breiter aufgestellt.

Trotzdem fragte ich mich damals gelegentlich, wie gut dieser Betrieb im Ernstfall tatsĂ€chlich funktionieren wĂŒrde. Zwischen dem, was auf dem Papier vorgesehen war, und dem, was im Alltag klappte, gab es durchaus Raum fĂŒr persönliche Gedanken. Zeit dafĂŒr hatte man ja gelegentlich. Zum Beispiel beim Warten.

Seither wurde verkleinert, gespart und umgebaut. Die Friedensdividende haben wir aus meiner Sicht ziemlich genĂŒsslich konsumiert. Dass man einen Teil davon vielleicht in eine dauerhaft belastbare Sicherheitsvorsorge hĂ€tte investieren sollen, ist heute der deutlich weniger gemĂŒtliche Gedanke.

Die Armee wurde kleiner. Die Gefahren sind inzwischen wieder grösser geworden.

Was nach der letzten Seite bleibt

NatĂŒrlich ist «Operation Tiefer Dorn» ein Thriller. Daraus folgt nicht, dass sich die Ereignisse genau so zutragen werden. Aber die Gefahr hinter der Geschichte ist real. Sicherheit lĂ€sst sich nicht allein damit begrĂŒnden, dass bisher alles irgendwie gut gegangen ist.

Meine wichtigste Erkenntnis aus der Trilogie: Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass das Szenario eintritt, das uns am wahrscheinlichsten erscheint. Wir mĂŒssen auch fĂŒr das gefĂ€hrlichste plausible Szenario vorbereitet sein.

Und unsere Armee? Mein beruhigendes GefĂŒhl, dass sie uns im Ernstfall schon ausreichend lange verteidigen könnte, ist nach dieser LektĂŒre jedenfalls nicht grösser geworden.

Matthias gelingt damit etwas, das ĂŒber einen spannenden Leseabend hinausgeht: Man klappt das Buch zu, aber die Fragen bleiben offen. Die unangenehmen vor allem.

Lieber Matthias: Drei BĂ€nde, rund 1500 Seiten und eine beachtliche Eskalation. Als ehemaliger Mitarbeiter kann ich bestĂ€tigen: Du konntest schon frĂŒher dafĂŒr sorgen, dass man sich intensiv mit einem Thema beschĂ€ftigt.

Heute mache ich das sogar freiwillig. Am Wochenende. Zwischen zwei Fussballspielen.

Klare Leseempfehlung fĂŒr die ganze Trilogie. Am besten genĂŒgend Zeit reservieren.

Wenn ich Sie schon hier habe â€Š

Wir haben im letzten Beitrag geklÀrt: KundengesprÀche sollten irgendwann enden.

Idealerweise bevor in der 94. Minute der Schiedsrichter neben dem Beratungstisch steht und Rot wegen Spielverzögerung zeigt. đŸŸ„

Wenn die Zeit begrenzt ist, stellt sich aber eine zweite Frage:

Was packen wir eigentlich hinein?

Das Hauptthema natĂŒrlich. DafĂŒr ist der Kunde gekommen.

Finanzierung der Ferienwohnung? Dann finanzieren wir die Ferienwohnung. Und wenn das 43 Minuten dauert, beginnen wir danach bitte nicht spontan mit einer umfassenden Finanzplanung inklusive FrĂŒhpensionierung, Nachlassplanung und Stammbaum.

Sonst sind wir schneller wieder in der Nachspielzeit, als uns lieb ist.

Aber: Wenn der Kunde schon vor mir sitzt, wÀre es doch ziemlich schade, nur genau das Problem zu lösen, wegen dem er gekommen ist.

Wir kennen ihn. Wir haben Fragen gestellt. Wir haben seine BedĂŒrfnisse evaluiert. Im Idealfall wissen wir deshalb von einem weiteren Problem, bei dem wir helfen können.

Und – welch glĂŒcklicher Zufall – betriebswirtschaftlich wĂ€re das fĂŒr die Bank möglicherweise auch nicht völlig uninteressant.

Nennen wir es einfach Cross-Selling

Man kann natĂŒrlich zwischen Cross-Selling, Up-Selling, Customer Value Development und Share of Wallet Growth unterscheiden.

Kann man.

Ich nenne es hier summarisch Cross-Selling. Wem das nicht prÀzise genug ist, dem passt es halt nicht.

Viel wichtiger ist:

Ist das nÀchste Thema gross oder klein?

Der Kunde hat irgendwann erwÀhnt, dass er mit 60 in Pension gehen möchte?

Grosses Thema.

Dann könnte ich sagen:

„Wenn ich Sie schon hier habe: Sie haben doch einmal Ihre FrĂŒhpensionierung angesprochen. Wir können ziemlich genau berechnen, ob und unter welchen Voraussetzungen das funktioniert. WĂ€re das fĂŒr Sie interessant, wĂŒrde ich dafĂŒr einen separaten Termin vereinbaren.“

Fertig.

Das Verkaufsziel ist jetzt der nÀchste Termin. Nicht die zweite Beratung.

Anders bei einem kleinen Thema.

Der Kunde hat erzÀhlt, dass sein Flug vier Stunden verspÀtet war und er ewig am Flughafen herumgesessen ist?

Und mit der Platinum-Karte hÀtte er Lounge-Zugang?

Dann kann ich die Lösung jetzt anbieten.

Im Grunde funktioniert beides gleich:

  1. „Wenn ich Sie schon hier habe, hĂ€tte ich noch etwas Kleines.“
    Entwarnung. Keine weiteren 48 Minuten.
  2. „Sie haben mir doch erzĂ€hlt, dass 
“
    AnknĂŒpfung an ein echtes BedĂŒrfnis.
  3. „DafĂŒr hĂ€tten wir folgende Lösung 
“
    Kurz pitchen. Nutzen erklÀren. Abschlussfrage.

Drei Minuten.

„DafĂŒr habe ich keine Zeit.“

Doch.

Diese drei Minuten gehören vermutlich zu den effizientesten Vertriebsminuten des Tages.

Alternative: CRM öffnen. Kunde auswÀhlen. Vorbereiten. Telefonnummer suchen. Anrufen.

Keine Antwort.

Nochmals anrufen.

Mailbox.

Vielleicht nÀchste Woche. Kein Interesse.

Hier sitzt der Kunde bereits vor mir. Und er hat mir im besten Fall gerade selbst erzĂ€hlt, welches Problem ich fĂŒr ihn noch lösen könnte.

WĂ€rmer wird ein Lead kaum.

Und jetzt kommt das eigentlich Schöne

Ein passendes Zusatzangebot ist eben nicht lÀstiges Verkaufen.

Es ist aufmerksamen Service.

Forschung zu Zusatzempfehlungen zeigt gerade, wie entscheidend die Relevanz des Angebots fĂŒr die Kundenreaktion ist: Passende Empfehlungen werden anders wahrgenommen als irgendwelche ungefragten Produkte. (ResearchGate)

Und genau hier haben wir in einer guten Beratung einen gewaltigen Vorteil:

Wir mĂŒssen nicht raten, was relevant sein könnte.

Wir kennen den Kunden. Wir haben seine Situation analysiert. Wir haben nach Zielen, WĂŒnschen und Problemen gefragt.

Wenn wir danach immer noch irgendein Produkt aus dem Aktionskatalog ziehen, haben wir vermutlich an anderer Stelle ein Problem.

Der gute KleiderverkÀufer macht es seit Jahrzehnten vor.

Ich kaufe einen Anzug. Er weiss, wofĂŒr ich ihn brauche, schaut auf meine Schuhe und sagt:

„Dazu wĂŒrde dieser Schuh hervorragend passen. Soll ich Ihnen den einmal bringen?“

Vielleicht kaufe ich ihn.

Vielleicht nicht.

Aber ich denke kaum:

UnverschĂ€mtheit! Was fĂŒr eine Frechheit. Dieser Mann erdreistet sich, zu bemerken, was ich brauche.

Im besten Fall denke ich:

Aufmerksam. Der denkt mit.

Und genau das sollte Cross-Selling sein.

Nicht:

„Was könnte ich diesem Kunden noch andrehen?“

Sondern:

„Welches Problem dieses Kunden könnte ich gerade noch lösen?“

Und ganz am Schluss bitte noch zwei, drei Minuten Reserve fĂŒr den administrativen Kleinkram.

Denn nach all der Kundenorientierung wÀre es etwas peinlich, vier Tage spÀter anzurufen:

„Herr MĂŒller, ganz kleine Sache noch 
 uns fehlt noch Ihre Unterschrift.“

Das wÀre dann kein Cross-Selling.

Das wĂ€re einfach nur schlecht organisiert. 😇

Wie lange ist eigentlich zu lange?

Wir reden im Banking gerne darĂŒber, was wir Kunden alles erzĂ€hlen sollen. Und welche tolle Hilfsmittel wir haben. Und unser Beratungsprozess erst.

Vielleicht sollten wir öfter darĂŒber reden, wann wir wieder aufhören.

Denn nur weil Outlook Termine in hĂŒbschen 60-Minuten-Blöcken anbietet, ist das noch keine wissenschaftlich validierte Beratungsmethode.

📞 Telefon: kurz. Wirklich kurz.

Das Telefon ist fĂŒr mich perfekt fĂŒr eine Terminvereinbarung oder ein kleines, unkompliziertes GeschĂ€ft:

„Sie haben wieder LiquiditĂ€t aufgebaut. Wollen wir Ihr Mandat um CHF 20’000 erhöhen?“

Bei einem Schnellentscheider vielleicht auch einmal eine einfache HypothekarverlÀngerung.

Meine völlig unwissenschaftliche Praxisregel:

Terminvereinbarung: maximal 2 Minuten.
Kundentelefonat: allerallerhöchstens 10 Minuten.

Dauert es lÀnger, war vermutlich nicht das GesprÀch zu kurz, sondern der Kanal falsch gewÀhlt.

Dazu passt eine grosse Untersuchung von ĂŒber 75’000 Kundenkontakten ziemlich gut: Kunden wollen bei Servicekontakten vor allem, dass ihr Anliegen einfach und mit möglichst wenig Aufwand erledigt wird. Mehr „Wow“, mehr Zusatzleistung und mehr GesprĂ€ch schaffen nicht automatisch mehr LoyalitĂ€t. (Harvard Business Review Store)

Oder etwas weniger wissenschaftlich:

Kein Mensch hat jemals nach einer 17-minĂŒtigen Terminvereinbarung aufgelegt und gedacht: Wow, was fĂŒr ein grandioses Erlebnis.

Ich habe ĂŒbrigens einmal eine Stelle abgesagt, nachdem die reine Terminvereinbarung mit meiner potenziellen Vorgesetzten 20 Minuten gedauert hatte.

Mein Gedanke:

Wenn bei der schon die Terminvereinbarung 20 Minuten dauert – wie lange dauert dann eine Sitzung?

Ich wollte es nicht herausfinden. Und habe es darum nie herausgefunden.

đŸ€ Persönlich: eine Stunde ist eine gute Ansage

Neufinanzierung. Finanzplanung. Geldanlage nach einem Liegenschaftsverkauf.

Komplexere Themen, bei denen wir visualisieren, erklÀren, Vertrauen aufbauen und tatsÀchlich einmal die volle Aufmerksamkeit des Kunden brauchen.

DafĂŒr lohnt sich das persönliche GesprĂ€ch.

Und hier wird es interessant: Eine wissenschaftliche Untersuchung von 2’378 realen AnlageberatungsgesprĂ€chen fand eine durchschnittliche Dauer von rund 43 Minuten, der Median lag bei 45 Minuten. Drei Viertel waren nach spĂ€testens 60 Minuten beendet.

Meine Praxisregel:

Eine Stunde ankĂŒndigen.

Sind wir nach 45 Minuten fertig: grossartig.

Die restlichen 15 Minuten mĂŒssen nicht aufgefĂŒllt werden mit sinnbefreiten AusfĂŒhrungen.

Hat der Kunde viele Fragen, können es auch einmal 75 Minuten werden. SpÀtestens dann gehört der Rest in einen Folgetermin.

Denn irgendwann wird aus

„Wir nehmen uns Zeit fĂŒr Sie“ leider „Wir nehmen Ihnen Zeit weg.“

đŸ’» Remote: 45 Minuten. Punkt.

Remote ist der Hybrid.

Nicht ganz die Ambiance und Vertrauensbildung eines persönlichen GesprĂ€chs, kein liebevoll mit einem Schöggeli dekorierter Kaffee. DafĂŒr viel einfacher zu organisieren – gerade wenn beide Partner teilnehmen sollen, die selbstverstĂ€ndlich beide wahnsinnig viel arbeiten und in den nĂ€chsten sechs Wochen exakt am Donnerstag zwischen 17:15 und 17:45 Uhr gleichzeitig verfĂŒgbar sind.

Die Zeit ist reserviert, wir können visualisieren und – wenn Bank, Technik und Kunde kooperieren – sogar direkt abschliessen.

Meine Regel:

45 Minuten ankĂŒndigen. Und nach 45 Minuten aufhören.

Das passt erstaunlich gut zur Forschung: Eine Untersuchung von 945 Meetings fand Videomeetings von unter 44 Minuten weniger ermĂŒdend als lĂ€ngere.

Und wann ist nun zu lange?

Die perfekte Zahl gibt es nicht.

Eine weitere Analyse von 30’000 ErstgesprĂ€chen fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen GesprĂ€chsdauer und der Wahrscheinlichkeit eines zweiten Meetings. Interessenten erschienen aber zu angesetzten 30-Minuten-Terminen 12 % hĂ€ufiger als zu 60-Minuten-Terminen.

Vielleicht ist „mehr Zeit fĂŒr den Kunden“ eben nicht automatisch mehr Kundenorientierung.

Irgendwann nimmt der Kunde nichts mehr auf. Irgendwann entscheidet er nichts mehr. Und irgendwann nickt er nur noch.

Nicht aus Zustimmung. Sondern weil er hofft, dass wir dann endlich aufhören. Ihn endlich erlösen. Ihn doch wieder gehen lassen und nicht fĂŒr immer festhalten.

Meine Richtwerte:

📞 Terminvereinbarung: 2 Minuten
📞 Telefon: max. 10 Minuten
đŸ’» Remote: 45 Minuten
đŸ€ Persönlich: 60 Minuten – mit etwas Luft

Und ja: Ich bin Trainer und Dozent.

Ich gehöre beruflich zur Hochrisikogruppe fĂŒr Menschen, die nach 55 Minuten sagen: „Einen Punkt habe ich noch.“

Vielleicht beschÀftigt mich das Thema deshalb.

Denn wir können 90 Minuten (+Nachspielzeit, aber das hier ist nicht Fussball) brillant beraten, jedes Detail erklÀren und wirklich alles richtig machen.

Und der Kunde schliesst danach bei der Konkurrenz ab.

Weil die nach 45 Minuten fertig war.

Manchmal ist kĂŒrzer nicht weniger Beratung.

Sondern schlicht kundenfreundlicher.

Todesursache: Ausuferndes Vorlesen von Verkaufsargumenten.

Gewisse von uns kaufen morgens bei Starbucks einen Kaffee.

Wobei: In Baden geht man natĂŒrlich eher ins CafĂ© Uno. Starbucks ist in einer linksgrĂŒnen Kleinstadt ja fast schon ein mutiges politisches Statement. 😉

Warum kaufen wir ĂŒberhaupt einen Kaffee to go?

Weil wir wach werden wollen. Weil er schmeckt. Weil die Barista (bei Starbucks) so nett unseren Namen falsch schreibt. Vielleicht flirtet sie sogar mit uns. Oder wir halten „Thomas?“ bereits fĂŒr Flirten.

Und manche vielleicht schlicht, weil man mit einem CHF-8-Kaffee zeigen kann: Ich kann mir CHF 8 fĂŒr Kaffee leisten.

Über die Jahre durchaus ein Investment. Trotzdem macht niemand vorher eine Due Diligence.

Ich habe ChatGPT gefragt, welche Nutzen man aus einem Iced Caramel Latte ableiten könnte:

  • Espresso → macht wach
  • Milch → macht ihn cremig
  • Milchfett → transportiert Aromen
  • SĂŒsse → Belohnungsmoment
  • Eis → erfrischt
  • Caramel → Dessertcharakter
  • Vanille → rundet den Geschmack ab
  • verschiedene Milchsorten → Individualisierung
  • To-go-Becher → praktisch
  • verschiedene Grössen → Menge nach Wunsch

Stellen wir uns vor, die nette Barista wĂŒrde mir das alles vor dem Kauf erklĂ€ren.

SpĂ€testens bei „Milchfett transportiert Aromen“ wĂ€re mein Gesicht eingeschlafen.

Und je lĂ€nger sie redet, desto mehr GrĂŒnde liefert sie mir, nicht zu kaufen:

Milchfett? Wollte ich reduzieren.
Zucker? Eigentlich auch.
Vanille? Brauche ich nicht.

Irgendwann denke ich:

Warum bezahle ich eigentlich CHF 8 fĂŒr all dieses Zeug, das ich gar nicht will?

Zum GlĂŒck macht meine Barista das nicht.

Warum zum Teufel machen es dann manche Bankberater?

Nehmen wir einen aktiv gemanagten Anlagefonds in der SĂ€ule 3a:

  • aktives Management → professionelle Anlageentscheide
  • Research → Marktanalyse
  • Titelselektion → gezielte Anlageauswahl
  • Diversifikation → Risikostreuung
  • Anlageklassen → Steuerung von Risiko und Renditechance
  • Rebalancing → Strategie bleibt auf Kurs
  • Risikomanagement → laufende Überwachung
  • Sparplan → automatisiertes Investieren
  • E-Banking → jederzeit Übersicht
  • BeratungsgesprĂ€che → regelmĂ€ssige ÜberprĂŒfung

Alles richtig.

Und möglicherweise alles irrelevant.

Vielleicht will der Kunde nÀmlich gar keine regelmÀssigen BeratungsgesprÀche.

Vielleicht denkt er:

„Ich will das jetzt abschliessen und danach meine Ruhe. Ich habe Hobbys.“

Dann wird aus dem vermeintlichen Nutzen eine Drohung mit Terminserie.

Und wĂ€hrend ich noch begeistert ĂŒber Research, Rebalancing und Investmentkomitees referiere, denkt der Kunde lĂ€ngst:

Brauche ich das alles? Und warum soll ich dafĂŒr bezahlen?

Ein Nutzen ist nicht nĂŒtzlich, nur weil er im Verkaufsprospekt steht.

Wir VerkÀufer lernen Produkte, Argumente und Nutzenformulierungen.

Und dann wollen wir zeigen, dass wir sie gelernt haben.

Also raus damit. Zehn Argumente. Eines wird schon treffen.

Blöd nur: Die anderen neun vielleicht auch. Einfach in die falsche Richtung.

Verkauf ist kein vorgelesener Prospekt.

Verkauf – und erst recht Beratung – bedeutet herauszufinden, was diesem Kunden wichtig ist. Und ihm genau die Eigenschaften zu zeigen, die seinen gesuchten Nutzen liefern.

Danach folgt eine hochkomplexe Verkaufstechnik, fĂŒr die man bestimmt irgendwo ein dreitĂ€giges Seminar buchen kann:

Mund halten. Und fragen, ob das etwas fĂŒr ihn wĂ€re.

Meine Barista kann das.

Wir VerkÀufer eigentlich auch.

«Ich glaube, das ist mir dann doch zu viel Risiko.» – Grossartig!

Wir haben es geschafft. Bedarf geklĂ€rt. Lösung prĂ€sentiert. Nutzen aufgezeigt. Abschlussfrage gestellt. Und danach sogar die Klappe gehalten – fĂŒr Menschen wie mich bekanntlich bereits eine beachtliche Leistung.

Und dann sagt der Kunde:

«Ich glaube, das ist mir dann doch zu viel Risiko.»

Mist.

Nein. Eben gerade nicht.

EinwĂ€nde sind Kaufsignale. Zumindest ziemlich gute. Denn wenn der Kunde wirklich ĂŒberhaupt nicht will, braucht er keinen ausgefeilten Einwand. Dann sagt er einfach: «Nein, danke.»

Ein Einwand bedeutet dagegen: Der Kunde beschÀftigt sich mit unserer Lösung. Er sagt uns sogar ziemlich konkret, was ihn noch davon abhÀlt, Ja zu sagen. Eigentlich ausgesprochen nett von ihm.

Trotzdem reagieren manche Berater:innen auf einen Einwand ungefÀhr so begeistert wie auf «Haben Sie noch kurz Zeit?» um 17.27 Uhr.

Plötzlich wird verteidigt. Nochmals erklÀrt. Ein zusÀtzliches Factsheet hervorgeholt. Oder innerlich bereits aufgegeben: Der will halt nicht.

Vielleicht will er sehr wohl. Vielleicht braucht er einfach noch eine gute Antwort.

DafĂŒr gibt es verschiedene Techniken. RĂŒckfragen und klĂ€ren: «Was genau lĂ€sst Sie beim Risiko noch zögern?» Die Bumerang-Methode: Aus dem Einwand wird mit einem «Gerade deshalb  » ein Argument. Das Vorwegnehmen: Ich spreche einen erwartbaren Einwand an, bevor der Kunde es tut. Und mein persönlicher Favorit: WĂŒrdigen – BrĂŒcke – Abschluss.

Man kann Einwandbehandlung wunderbar in drei, vier oder fĂŒnf Schritte verpacken. Und irgendwo hat ziemlich sicher ein sehr gescheiter Mensch ein wissenschaftlich fundiertes Modell mit sieben Phasen, elf Unterpunkten und einer Grafik gebaut, die ich spĂ€testens unter Stress garantiert nicht mehr zusammenbekomme.

Ich brauche drei.

WĂŒrdigen. NutzenbrĂŒcke. Abschlussfrage.

Zum Beispiel:

«Danke fĂŒr Ihren Einwand. Ich finde es gut, wie konkret Sie sich bereits mit der Lösung auseinandersetzen. Ich kann verstehen, dass Sie die Risiken genau einschĂ€tzen wollen. Als wichtiges Ziel haben wir Ihre FrĂŒhpensionierung mit 62 definiert. Die vorgeschlagene Lösung ist genau darauf ausgerichtet, dieses Ziel mit möglichst geringen Kursschwankungen zu erreichen. Konnte ich Ihre Bedenken damit ausrĂ€umen – wollen wir das so umsetzen?»

BÄM.

Direkt wieder zum Abschluss.

Ist das radikal? Ein bisschen.

Ist es direkt? Definitiv.

Kann es bei einem emotionalen Einwand zu wenig empathisch sein? NatĂŒrlich. Wenn der Kunde sagt: «Nach meinen Erfahrungen wĂ€hrend der Finanzkrise habe ich richtig Angst vor Aktien», wĂ€re selbst mir ein fröhliches «Verstehe ich – wo darf ich Ihnen den Kugelschreiber hinlegen?» etwas zu sportlich.

Ein bisschen Sozialkompetenz darf bleiben.

Aber genau deshalb trainiere ich gerne die sehr direkte Variante. Denn meine Erfahrung mit Kundenberater:innen ist nicht, dass sie nach einem Einwand grundsĂ€tzlich zu brutal zum Abschluss zurĂŒckkehren.

Eher so gar nicht.

Trainiere ich also bewusst den direkten Weg, lande ich im echten KundengesprĂ€ch vermutlich irgendwo in einem ziemlich vernĂŒnftigen Mittelweg.

Und vor allem: Drei Schritte kann ich mir merken. Drei Schritte kann ich trainieren. Drei Schritte kann ich auch abrufen, wenn ein echter Kunde vor mir sitzt und mein Gehirn gerade andere Dinge zu tun hat.

Die perfekte Methode, die ich nicht anwende, ist nÀmlich vor allem eines:

perfekt nutzlos.

Darum beim nÀchsten:

«Ich glaube, das ist mir dann doch zu viel Risiko.»

Nicht genervt sein. Nicht resignieren. Nicht nochmals 14 Produktmerkmale erklÀren.

WĂŒrdigen. BrĂŒcke. Abschluss.

Und dann kommt leider schon wieder die schwierigste Übung aus meinem letzten Blogpost:

Jetzt halt doch endlich Mal Deine Fresse, Mann!

Klappe halten.

Jetzt halt doch endlich Mal Deine Fresse, Mann!

Kundenberatung. Wir sind auf gutem Weg. Der Abschluss kommt nÀher. Wir haben den Bedarf geklÀrt. Vorteile erklÀrt. Hoffentlich sogar einen Nutzen aufgezeigt. Der Kunde hat genickt, interessierte Fragen gestellt und vielleicht sogar gesagt: «Ja, das macht eigentlich Sinn.»

Grossartig. Und jetzt?

Jetzt kommt jener magische Moment, in dem erstaunlich viele Berater:innen plötzlich vergessen, weshalb sie das alles eigentlich gemacht haben.

Nehmen wir die Vorsorge. Ich zeige dem Kunden auf, dass er eine VorsorgelĂŒcke hat, eine Einzahlung in die SĂ€ule 3a sinnvoll wĂ€re und er das Geld aufgrund des langen Anlagehorizonts vielleicht auch noch anlegen sollte. Steuern sparen, Zinseszins, langfristiger Vermögensaufbau – alles wunderbar erklĂ€rt.

Und dann:

«Gut, dann ĂŒberlegen Sie es sich doch mal.»

Ernsthaft?

Ich habe dem Kunden 45 Minuten lang erklĂ€rt, dass er ein Problem hat – und schicke ihn danach damit nach Hause?

«Schatz, der Typ von der Bank hat heute gesagt, dass wir im Alter zu wenig Geld haben.»

Gern geschehen. DafĂŒr bin ich Berater.

Beratung sollte doch nicht bei der Erkenntnis enden. Wenn wir gemeinsam zum Schluss kommen, dass eine Lösung sinnvoll ist, darf ich auch einmal eine Abschlussfrage stellen:

«Wollen wir das so umsetzen?»

«Passt diese Lösung fĂŒr Sie?»

«Sollen wir die SÀule 3a gleich eröffnen und die Anlage wie besprochen aufsetzen?»

Oder, wenn noch Unsicherheit da ist:

«Was fehlt Ihnen noch, damit Sie sich entscheiden können?»

Und jetzt kommt der schwierige Teil.

Klappe halten.

Der Kunde darf nĂ€mlich nachdenken. In Ruhe. Vielleicht sogar zwei, drei oder – fĂŒr Fortgeschrittene – fĂŒnf Sekunden.

Dass uns das schwerfĂ€llt, ist ĂŒbrigens wissenschaftlich gar nicht so ĂŒberraschend. Stivers und Kolleg:innen untersuchten GesprĂ€che in zehn Sprachen und stellten fest, dass Sprecherwechsel meistens rasend schnell erfolgen. Am hĂ€ufigsten lagen gerade einmal 0 bis 200 Millisekunden zwischen zwei Wortmeldungen.

Wir Menschen sind also ziemlich gut darin, GesprĂ€chslĂŒcken sofort wieder zuzustopfen.

Und dann soll ich nach einer Abschlussfrage plötzlich schweigen?

Ich?

Als klassischer Sender?

Als jemand, der nicht nur gerne redet, sondern sich – bei aller Selbstkritik – auch noch wahnsinnig gerne selber dabei zuhört?

Das ist keine Verkaufstechnik. Das ist Charakterarbeit.

Also:

«Wollen wir das so umsetzen?»

Stille.

Der Kunde denkt.

Stille.

Er holt Luft.

Und in meinem Kopf brĂŒllt bereits alles:

THOMAS! SAG ETWAS! IRGENDWAS!

Und schon kommt:

«Also natĂŒrlich nur, wenn Sie möchten, Sie können es sich auch nochmals ĂŒberlegen, ich kann Ihnen die Unterlagen mitgeben, vielleicht wollen Sie noch mit Ihrer Frau sprechen, wir mĂŒssen heute ĂŒberhaupt nichts entscheiden  »

Perfekt.

Der Kunde wollte vermutlich gerade «Ja» sagen. Ich habe ihm vorsichtshalber noch sechs Möglichkeiten aufgezeigt, es nicht zu tun.

Eine Abschlussfrage ist keine Drucktechnik. Wenn ich mit dem Kunden einen Bedarf erkannt, eine passende Lösung erarbeitet und diese sauber erklÀrt habe, dann darf ich auch fragen, ob wir sie umsetzen.

Und danach darf ich ihm etwas mindestens genauso Wertvolles schenken:

ein paar Sekunden Ruhe vor mir.

Vielleicht sagt er Ja. Vielleicht Nein. Vielleicht kommt ein Einwand. Dann weiss ich wenigstens, worĂŒber wir noch reden mĂŒssen.

Denn gute Beratung besteht manchmal aus einer guten Frage.

Und danach aus der vermutlich schwierigsten Disziplin fĂŒr uns Sender:

Einfach. Mal. Nichts. Sagen.

Wer wissen möchte, warum sich schon wenige Sekunden Schweigen wie eine mittelschwere Ewigkeit anfĂŒhlen: Stivers et al. (2009), „Universals and cultural variation in turn-taking in conversation“, PNAS.

Der gefĂ€hrlichste Satz der Preisverhandlung: „Einverstanden!“

Unsere HypothekenverlÀngerung kommt langsam in die heisse Phase.

Die Laufzeit steht: sechs Jahre. Der Kunde ist bereit, die Beziehung auszubauen. Und weil ich inzwischen weiss, dass er eigentlich gar nicht weg möchte und mit meiner Beratung ziemlich zufrieden ist, bin auch ich bereit, mich von meiner ursprĂŒnglichen fairen Preisannahme zu bewegen.

Ich hatte 1,60 % als fair empfunden. Der Kunde war bei 1,40 % gestartet.

Und jetzt passiert etwas sehr Schweizerisches: Der Kunde schlÀgt vor, dass wir uns doch einfach in der Mitte treffen.

1,50 %.

Eigentlich ein wunderbarer Moment. Ich schaue auf die Uhr. Es geht langsam gegen Mittag. Der Magen knurrt. Die 1,50 % liegen deutlich ĂŒber meiner Schmerzgrenze.

Also sage ich:

„Einverstanden!“

Fehler. Ein kleiner. Aber ein teurer. Denn was passiert gerade im Kopf des Kunden?

Vielleicht denkt er: „Wow, das ging aber schnell.“

Und fĂŒnf Sekunden spĂ€ter vielleicht schon:

„Ob wohl auch 1,48 % möglich gewesen wĂ€ren?“

Oder 1,47 %?

Oder vielleicht sogar 1,46 %?

Und schon habe ich ein Problem. Ich habe zwar den Preis durchgesetzt, den ich wollte. Aber möglicherweise hat der Kunde trotzdem nicht das GefĂŒhl, einen guten Deal gemacht zu haben.

Im Gegenteil: Meine schnelle Zustimmung kann bei ihm Zweifel auslösen.

Wenn der VerkĂ€ufer so schnell Ja sagt – hĂ€tte ich vielleicht noch mehr herausholen können?

Und genau hier wird es spannend: Eine Preisverhandlung beeinflusst nicht nur den Preis.

Sie beeinflusst auch Kundenzufriedenheit und Vertrauen.

Ein Kunde kann mit einem Preis zufrieden sein und gleichzeitig mit dem GefĂŒhl nach Hause gehen, dass er schlecht verhandelt hat.

Und das ist ziemlich unnötig.

Zumal wir als Pricing- und Verhandlungsprofis ja wissen sollten: Der Preis ist nicht nur eine Zahl. Er ist auch ein Signal.

Auch die psychologische Wirkung von Preisen spielt dabei eine Rolle. Ungerade, prÀzise Preise werden hÀufig als stÀrker kalkuliert und weniger verhandelbar wahrgenommen als runde Zahlen.

1,51 % wirkt deshalb möglicherweise anders als 1,50 %.

Nicht unbedingt, weil die 0,01 Prozentpunkte einen rationalen Unterschied machen.

Sondern weil sie signalisieren:

Hier wurde gerechnet.

Also machen wir es beim nÀchsten Mal etwas professioneller.

Der Kunde sagt:

„Dann treffen wir uns doch bei 1,50 %.“

Ich schaue kurz nachdenklich. Vielleicht neige ich den Kopf ein wenig zur Seite. Vielleicht atme ich einmal tief durch.

Und sage:

„1,50 % ist wirklich ganz knapp nicht mehr darstellbar. Ich kann Ihnen aber 1,51 % anbieten.“

Der Kunde ĂŒberlegt kurz.

„Okay.“ Deal.

Was haben wir gewonnen? Bei CHF 300’000 Hypothekarvolumen entsprechen 0,01 Prozentpunkte CHF 30 pro Jahr.

Bei sechs Jahren also: CHF 180.

DafĂŒr habe ich ungefĂ€hr zwei Minuten gebraucht.

Jetzt könnte man natĂŒrlich anfangen zu rechnen.

CHF 180 fĂŒr zwei Minuten. Das entspricht einem theoretischen Stundenlohn von CHF 5’400.

Und einem theoretischen Jahresgehalt von CHF 1,08 Millionen.

So viel habe ich tatsÀchlich noch nie verdient. Und werde ich vermutlich auch nie verdienen.

Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Der wirklich interessante Gewinn liegt woanders.

Der Kunde geht mit dem GefĂŒhl nach Hause:

„Ich habe wirklich gut verhandelt. Mehr war vermutlich nicht drin.“

Und genau dieses GefĂŒhl ist Gold wert.

Denn ich habe nicht einfach einen Frankenbetrag optimiert. Ich habe gleichzeitig dafĂŒr gesorgt, dass der Kunde mit seinem Verhandlungserfolg zufrieden ist.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wir wollen nicht, dass der Kunde denkt:

„Mist, ich hĂ€tte noch mehr herausholen können.“

Wir wollen, dass er denkt:

„Ich habe einen guten Preis bekommen. Und der Berater ist mir entgegengekommen.“

NatĂŒrlich darf man es auch ĂŒbertreiben. Wenn wir bei jeder Einigung noch 17-mal kĂŒnstlich zögern, wird aus einer Preisverhandlung irgendwann eine schlechte TheaterauffĂŒhrung.

Aber wenn die grundsÀtzliche Einigung bereits da ist, darf man sich eine kurze Denkpause gönnen.

Denn die schlechteste Reaktion auf einen akzeptablen Gegenvorschlag ist manchmal nicht ein zu grosses Entgegenkommen.

Sondern ein viel zu schnelles:

„Einverstanden!“

Nur weil man Hunger hat. Oder weil man endlich Mittagessen möchte. Oder weil man glaubt, eine Verhandlung mĂŒsse möglichst schnell beendet werden.

Gute Preisverhandlung bedeutet eben nicht, jeden letzten Rappen aus dem Kunden herauszuquetschen.

Es geht darum, einen Preis zu finden, der fĂŒr beide Seiten stimmt – und bei dem der Kunde am Ende das GefĂŒhl hat:

„Das war ein gutes GeschĂ€ft.“

Und vielleicht geht man dann auch mal zusammen zum Mittagessen.

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Preisverhandlung: Wer fragt, fĂŒhrt – und wer zuhört, verhandelt besser

In einem frĂŒheren Beitrag haben wir uns mit einem seltenen Bild beschĂ€ftigt. Genauer gesagt mit dem Verhandlungsspiel darum. Und aus diesem kleinen Spiel lassen sich erstaunlich viele Erkenntnisse fĂŒr ein echtes PreisverhandlungsgesprĂ€ch ableiten.

Eine davon lautet: Kein Stress. Wir haben Zeit. Zuzuhören. Fragen zu stelllen. Ideen des Kunden zu hinterfragen. Wer einen schnellen Abschluss sucht, bezahlt diesen allenfalls mit einer schlechterer Marge. Und 0.05 % p.a. auf CHF 300’000, sind CHF 150 pro Jahr und auf 6 Jahre 900 Franken. Wer sich dafĂŒr nicht 5 Minuten Zeit nehmen kann, ist entweder sehr dumm oder hat einen verdammt hohen Stundenansatz (oder beides).

Also: Wer fragt, fĂŒhrt.

Das klingt banal. Wird in der Praxis aber erstaunlich hĂ€ufig vergessen. Gerade dann, wenn es um den Preis geht. Der Kunde sagt: „Was können Sie denn beim Zinssatz noch machen?“ – und schon beginnt beim Berater hektisches Rechnen, Schwitzen und inneres Beten. Das Adrenalin wird ausgeschĂŒttet aber das Reptilienhirn mag einfach nicht so gut rechnen.

Dabei könnte man zunÀchst einfach eine Frage stellen.

Zum Beispiel: „Was hat sich denn bei Ihnen seit unserem letzten GesprĂ€ch getan?“

Eine wunderbare Frage. Der Kunde wird sie vermutlich sogar gerne beantworten. Vielleicht erzĂ€hlt er von den Kindern, die inzwischen beide aufs Töpfchen gehen. Grossartig. da haben wir ja dann sogar eine Gemeinsamkeit. Das sind sicher wichtige Informationen – zumindest fĂŒr den Familienfrieden. FĂŒr die Hypothek vielleicht weniger.

Aber genau hier kann man elegant weiterfragen: „Und beruflich, hat sich bei Ihnen etwas verĂ€ndert?“ Oder: „Wie sieht es mit Ihren PlĂ€nen rund ums Haus aus?“

Und plötzlich sind wir mitten im eigentlichen GesprÀch.

Noch konkreter: „Was sind denn Ihre PlĂ€ne mit dem Haus?“

Wenn der Kunde sagt: „Wir ĂŒberlegen, es in zwei Jahren zu verkaufen“, ist das eine ziemlich relevante Information. Dann wirkt mein tolles Angebot fĂŒr eine fĂŒnfjĂ€hrige Festhypothek möglicherweise ungefĂ€hr so attraktiv wie ein Jahresabo fĂŒrs Fitnesscenter kurz vor dem Umzug nach Australien.

Auch die nĂ€chste Frage ist Gold wert: „Welche Gedanken haben Sie sich denn bereits zur VerlĂ€ngerung gemacht?“

Sagt der Kunde: „Eigentlich wĂŒrde ich wieder drei Jahre nehmen. Das habe ich immer so gemacht“, haben wir endlich etwas, mit dem wir arbeiten können. Nicht um den Kunden zu ĂŒberreden, sondern um seine Entscheidung zu challengen. Genau wie die nette Dame aus dem ReisebĂŒro, dank der ich jetzt Mein Schiff fahre. Also weder einfach exekutieren, was der Kunde sagt (das kann jeder) oder einfach das eigene Angebot prĂ€sentieren (das kann sogar ein Prospekt). Sondern eine echte Beratungssituation mit Mehrwert fĂŒr den Kunden anstreben. Und dabei vielleicht je nach Referenzpunkt des Kunden bereits einen kleinen Exkurs zum Thema Zinsentwicklung und -prognose einstreuen, um einen allzu tiefen Referenzwert ein wenig nach oben zu korrigieren. SĂ€tze wie „Sie haben ja das letzte Mal zum perfekten oder tiefsmöglichen Zeitpunkt abgeschlossen, nochmals herzliche Gratulation“ steigern das Wohlbefinden des Kunden und senken gleichzeitig eine ĂŒbertriebene Erwartungshaltung.

Und wenn wir nach diesen Fragen und Exkurses wissen, dass der Kunde eine sechsjĂ€hrige Hypothek möchte, kommt irgendwann die vielleicht wichtigste Frage ĂŒberhaupt:

„Welchen Zinssatz haben Sie denn dabei im Kopf?“

Jetzt wird es spannend. Vielleicht war der Kunde gerade in einem Verhandlungsseminar und antwortet: „Das möchte ich nicht sagen.“

Kein Problem. Dann fragen wir eben nochmals freundlich nach: „Bei welchem Zinssatz wĂŒrden Sie denn abschliessen?“

Und wenn er weiterhin schweigt wie ein Pokerspieler im Final Table, mĂŒssen wir irgendwann selbst einen Preis nennen. Aber eben: so weit wĂ€ren wir ja auch gewesen, wenn wir ohne RĂŒckfrage reingeschossen wĂ€ren.


Wenn aber de Kunde so nett ist, eine Zahl zu nennen, dann haben wir drei Szenarien.

Erstens: Der Kunde nennt einen Preis, der ĂŒber unserem fairen Preis liegt.

Dann dĂŒrfen wir uns freuen. Unsere gute Vorbereitung hat sich bezahlt gemacht. Wir bleiben fair, nennen unseren tieferen Preis und erklĂ€ren auch, warum wir diesen Preis fĂŒr fair halten.

Und dann können wir durchaus einen Gegenvorschlag machen: „Wie Sie ja nun merken, ist es mir ein grosses Anliegen Sie fair und kompetent zu beraten. Ich wĂŒrde mich freuen, wenn Sie auch in Sachen Vorsorge von diesem Know How profitieren wĂŒrden“.

Nicht als versteckte Drohung nach dem Motto „Zins oder Vorsorge!“, sondern als TauschgeschĂ€ft: Ich komme Ihnen beim Preis entgegen, Sie geben mir dafĂŒr etwas anderes, das fĂŒr mich einen Wert hat.

Zweitens: Der Kunde nennt einen Preis zwischen unserer Schmerzgrenze und unserem fairen Preis.

Jetzt dĂŒrfen wir uns entspannen. Wirklich.

Denn wenn wir gut vorbereitet sind, wissen wir: Dieses GeschÀft machen wir jetzt.

Das erste Angebot des Kunden wird zudem ziemlich sicher nicht seine persönliche Schmerzgrenze gewesen sein. Warum sollte er uns freiwillig seinen Maximalpreis nennen? Also können wir noch etwas verhandeln. Oder wir akzeptieren den gewĂŒnschten Zinssatz – unter Zusatzbedingungen. Beispielsweise, wenn im Gegenzug die Vorsorge ebenfalls zu uns kommt.

Das ist ĂŒbrigens der Moment, in dem sich gute Vorbereitung besonders angenehm anfĂŒhlt. Man verhandelt nicht mehr aus Angst, sondern aus einer Position der Klarheit.

Und dann gibt es Szenario drei. Das Szenario, vor dem sich alle fĂŒrchten: Der Kunde nennt einen Preis unter unserer Schmerzgrenze.

Unter unseren variablen Kosten. Ein Preis, bei dem wir wissen: Das können und wollen wir so nicht machen. Das wird mein Chef nie bewilligen.

Und genau hier ist Adrenalin ein schlechter Ratgeber.

Also: ruhig bleiben.

Nicht sofort: „Das ist unmöglich! Da können wir niemals mitgehen!“

Sondern beispielsweise: „Bei diesem Zinssatz können wir das GeschĂ€ft leider nicht darstellen – auch wenn wir weitere GeschĂ€fte mit Ihnen berĂŒcksichtigen. Da liegen wir schlicht zu weit auseinander.“

Und dann?

Pause. Warten. Darauf vertrauen, dass der Kunde dann schon weiterredet. Macht er. Immer.

Vielleicht korrigiert der Kunde seinen Preis. Vielleicht fragt er: „Und wie weit können Sie denn gehen?“

Und schon sind wir wieder mitten in einer Verhandlung, bei der eine Einigung plötzlich ziemlich nahe liegt. Und bei der wir ziemlich sicher ĂŒber unsere Schmerzgrenze kommen und dabei noch Mehrwert fĂŒr den Kunden und ZusatzverkĂ€ufe fĂŒr uns generieren.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus dem Ganzen ist deshalb gar nicht eine bestimmte Frage oder eine bestimmte Verhandlungstechnik.

Es ist die Erkenntnis, dass man ein GeschÀft auch einmal verlieren können muss.

Das klingt paradox. Aber wer unbedingt abschliessen muss, verhandelt schlecht. Wer hingegen weiss, wo seine faire Grenze und seine Schmerzgrenze liegen – und bereit ist, bei Bedarf auch einmal „Nein“ zu sagen –, verhandelt deutlich gelassener.

Und genau diese Gelassenheit spĂŒrt der Kunde.

Vielleicht ist das sogar die beste Vorbereitung auf eine Preisverhandlung: Nicht die Frage „Wie verhindere ich, dass ich das GeschĂ€ft verliere?“, sondern:

„Was ist fĂŒr mich ein gutes GeschĂ€ft – und was mache ich, wenn wir uns nicht einigen?“

Wer diese Frage vor dem GesprÀch beantwortet hat, braucht wÀhrend der Verhandlung deutlich weniger Adrenalin.

Und wahrscheinlich auch deutlich weniger Rabatt.

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Preisverhandlung: Jetzt wird’s praktisch

Nach unserer kleinen Reise durch die vier Cluster der PreissensitivitĂ€t rsp. Wechselbereitschaft– MarktattraktivitĂ€t, Kunden(un)zufriedenheit, bisheriger Preis beziehungsweise Rabatt als Referenzpunkt und Kundenbindung – haben wir eines festgestellt: Ein bisschen betriebswirtschaftliche und preisliche Grundbildung schadet der Preisverhandlung definitiv nicht.

Irgendwann muss man dann aber auch noch wissen, wie man eigentlich verhandelt.

Und da beginnt die Technik erstaunlich unspektakulÀr: bei der Vorbereitung des KundengesprÀchs.

NatĂŒrlich wĂ€re es schön, wenn ein Kundenberater nicht zuerst 17 Systeme öffnen mĂŒsste, um sich die relevanten Informationen zusammenzusuchen. Noch schöner wĂ€re es, wenn das System daraus gleich einen sinnvollen Preisvorschlag basteln wĂŒrde. Am besten inklusive BegrĂŒndung, Argumentarium und vielleicht noch einem kleinen Motivationsspruch fĂŒr den Berater.

Aber egal. Bis es so weit ist, funktioniert auch die gute alte Praktikermethode.

Ein paar Fragen sollte ich vor dem GesprĂ€ch beantworten können: Wie gross ist das Gesamtvolumen des Kunden? Wie gross ist die jetzt fĂ€llige Tranche? Und wie einfach wĂ€re es fĂŒr den Kunden tatsĂ€chlich, mit diesem GeschĂ€ft zu einer anderen Bank zu gehen? Denn CHF 100’000 bei einer Gesamtbeziehung von zwei Millionen sind etwas anderes als CHF 100’000, bei denen praktisch die gesamte Beziehung auf dem Spiel steht.

Dann lohnt sich ein Blick auf die Beziehung selbst: Gibt es GrĂŒnde, weshalb der Kunde besonders zufrieden oder unzufrieden sein könnte? Wie war sein letzter Preis? Welcher Rabatt wurde damals gewĂ€hrt? Und was ist eigentlich seit dem letzten Abschluss passiert? Wie oft hatten wir Kontakt? Hat der Kunde unsere Beratung genutzt? Hat er weitere GeschĂ€fte mit uns gemacht oder seine Beziehung sogar ausgebaut?

Aus all diesen Informationen entsteht – mehr oder weniger strukturiert, manchmal wahrscheinlich auch etwas intuitiv – ein Bild. Und daraus sollte ich vor dem GesprĂ€ch meinen fairen Preis ableiten. Also den Preis, den ich aufgrund der gesamten Situation fĂŒr angemessen halte und den ich auch gerne durchsetzen möchte.

ZusĂ€tzlich brauche ich eine Schmerzgrenze. Wo ist definitiv Schluss? Und diese Grenze sollte natĂŒrlich nicht unter den variablen Gestehungskosten liegen. Sonst haben wir zwar erfolgreich verhandelt, aber leider in die falsche Richtung. Dann wĂ€re es vermutlich besser, das GeschĂ€ft gar nicht erst zu machen. Und: Das Argument, dass sich um ein grosses Volumen handelt wird nicht besser, wenn wir mit negativer Marge operieren, dann gilt: je grösser, desto schlimmer.

Und auch bei der Schmerzgrenze gilt: Ich sollte vorher wissen, unter welchen Bedingungen ich bereit bin, mich ihr anzunÀhern. Mehr Volumen? ZusÀtzliche Produkte? LÀngere Bindung? Ein anderer GeschÀftsabschluss? Irgendeine Gegenleistung sollte es schon geben. Denn ein Rabatt ist kein Geschenk. Zumindest sollte er keines sein.

Eigentlich ist das alles gar nicht so kompliziert. Ist auch nicht ganz neu, sondern angelehnt an das Harvard Verhandlungskonzept, könnt ihr hier kurz nachlesen. Ein paar Informationen zusammentragen, einen fairen Preis festlegen, eine Schmerzgrenze definieren und ĂŒberlegen, unter welchen Bedingungen ich mich davon wegbewegen wĂŒrde.

Und jetzt mal ganz ehrlich:

Wie oft macht ihr das wirklich so systematisch?

Oder schaut ihr fĂŒnf Minuten vor dem GesprĂ€ch noch schnell nach, welchen Rabatt der Kunde letztes Mal bekommen hat, atmet einmal tief durch und denkt:

„Na gut. Schauen wir mal, was heute passiert.“

Genau hier beginnt dann die eigentliche Technik der Preisverhandlung.

Und darum geht es im nÀchsten Beitrag.

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