Im letzten Beitrag haben wir gesehen, was passiert, wenn ein Algorithmus Preise ausspuckt, die ein Berater nicht erklären kann: Der tiefe Preis wird durchgelassen, der hohe Preis leise wegrediskontiert. Margenverschenkungsübung hier, Verlust von Marktfähigkeit dort.
Die naheliegende Reaktion der Bankenwelt auf dieses Problem lautet klassisch: Dann verbieten wir das eben. Rabattkompetenz streichen. Systemvorgabe.
Das funktioniert. Für etwa sechs Wochen. Dann hat der Berater Workarounds gefunden, die schlimmer sind als das Originalproblem. Oder er ist weg. Oder – die häufigste Variante – er spielt nach Systemvorgabe, und die Kundenbindung bricht ein, weil der Berater dem Kunden nicht mehr das geben kann, was er ihm seit zwanzig Jahren gibt. Nämlich: das Gefühl, dass er für ihn da ist. Nicht die Maschine.
Also: Verbieten bringt nichts. Verstehen schon. Und zwar beim Berater selbst.
Die Lektion, die man nicht erklären, sondern spielen muss
Wenn ein Berater den Preis nicht versteht, kann er ihn nicht verteidigen. Wenn er ihn nicht verteidigen kann, verschenkt er ihn. Das wissen wir. Was wir weniger wissen: Wie man einem Banker beibringt, dass differenzierte Preise nicht unsittlich sind, sondern betriebswirtschaftlich logisch. Und dass nicht jeder, der weniger zahlt, ein Fall für die Sozialhilfe ist.
Erklären bringt hier wenig. Spielen schon.
Das Flugzeugsitz-Spiel
Eines der besten Ausbildungsinstrumente, die ich kenne, ist simpel, alt und funktioniert trotzdem. Man nehme einen Flieger, können sich alle vorstellen, kennen alle, und sei es nur vom letzten Flug an den Ballermann. Hundert Sitze. Flugkosten: CHF 10’000. Neunzig Tickets sind verkauft, im harten Markt zu einem durchschnittlichen Erlös von CHF 110 pro Nase. Macht CHF 9’900. Der Flieger ist also noch nicht kostendeckend. Fehlen hundert Franken. Wer schon mal eine Fluglinie (ja, wohl keiner hier) geführt hat, weiss: das kommt langfristig nicht gut. Die letzten Plätze müssen verkauft werden.
Last-Minute-Tarif: zehn Sitze, je CHF 50. Kein Rappen drüber. Die orange Konkurrenz bietet es noch billiger.
Erste Frage an die Runde: Ist das unfair gegenüber den neunzig, die mehr bezahlt haben?
Antwort der meisten Banker im Raum: Ja. Klar. Die haben doch das Gleiche.
Antwort der Betriebswirtschaft: Nein. Die neunzig haben etwas gekauft, das diese zehn nicht haben: Sicherheit. Sie haben sich ihren Platz gesichert, früh, planbar, mit Wahl des Sitzes, mit Stornorecht, mit allem, was einen flexiblen Fluggast glücklich macht. Die zehn Last-Minute-Passagiere bekommen, was übrig ist, zum Preis, der übrig ist. Das ist nicht unfair. Das ist ein Tauschgeschäft mit unterschiedlichem Leistungspaket.
Zweite Frage, die in der Regel niemand stellt, die aber das eigentliche Aha-Erlebnis ist: Profitieren die neunzig Vielzahler von den zehn Tiefzahlern?
Antwort: Ja. Klar. Denn ohne die zehn Tiefzahler müssten die neunzig Vielfahrer je einen Franken (genau CHF 1.11) mehr bezahlen, damit der Flieger überhaupt kostendeckend wird. Mit den zehn Tiefzahlern fliesst Geld in die Kasse, das sonst nicht dort wäre. Geld, das die Strecke überhaupt erst erhält. Und zwar eine Strecke, die – wäre sie nicht kostendeckend – irgendwann eingestellt würde. Zugunsten einer anderen, die sich rechnet. Wo die neunzig dann auch nicht mehr hinfliegen könnten (wäre doch schade um das glatte Männerwochenende am Ballermann).
Die Erkenntnis, die in dieser Minute im Raum steht: Es kann im Sinne aller Kunden sein, wenn nicht alle gleich viel bezahlen. Das ist nicht Sozialschmarotzertum. Das ist Preismanagement. Das eine finanziert das andere.
Die grosse Wende: nicht alle dürfen mit
Dann dreht man das Spiel. Plötzlich kann man nicht hundert Tickets verkaufen. Sondern hundertachtzig. An unterschiedliche Kunden mit unterschieldlichen Zahlungsbereitschaften. Da sitzt der Schnäppchenjäger, der nicht kostendeckend zahlen will und es auch nie wird. Da sitzt der Gast, der diesen Flug nur als Zubringer auf eine lukrative Langstrecke nutzt – kostendeckend wäre er allein nicht, aber das Gesamtpaket rechnet sich prächtig. Da sitzt der Vielflieger, der auf dieser Strecke nicht kostendeckend ist, aber an dem wir auf den anderen Strecken richtig mächtig Kohle verdienen. Und so weiter.
Nun fragt man die Runde: Wen wollen wir an Bord?
Die Antwort ist am Anfang nicht schwer. Die ersten wollen wir nicht. Die zweiten und dritten wollen wir dringend. Und dann gibt es die Grenzfälle, die echten Diskussionen auslösen: Lieber Vielflieger oder lieber Vielzahler für genau diesen Flug? Lieber Margendruck auf der Strecke oder Margendruck im Gesamtkunden? Für eine Bank: Lieber Bilanzwachstum oder lieber Bilanzrentabilität?
Spannend, nicht wahr?
Und jetzt wird es ernst, weil es nicht mehr nur ein Spiel ist
Das Flugzeug-Spiel wirkt auf Bankangestellte anfangs konstruiert. Weit hergeholt. Kabinen, Sitze, Tickets. Was hat das mit Hypotheken zu tun?
Antwort: Alles. Oder zumindest ganz viel.
Denn die Zeiten, in denen Banken ungebremst wachsen konnten, sind vorbei. Entweder die Passivseite zwingt die Grenze, oder die RWA-Regel. Platz auf einer Bankbilanz ist nicht mehr unendlich. Er ist beschränkt. Genau wie im Flieger. Und wenn der Platz beschränkt ist, muss man sich überlegen, wem man ihn verkauft. Und zu welchem Preis. Und ob derjenige, der einen Franken weniger zahlt, vielleicht derjenige ist, der dem Haus mehr einbringt, als der, der den vollen Preis zahlt, aber nur diesen einen Platz belegt. Aber alle für ganz tief geht nicht.
Die Bankerkenntnis aus dieser Session: Der Platz ist beschränkt. Unterschiedliche Preise sind ok. Die Vielzahler profitieren auch von den Wenigerzahlern. Und der Kunde, der heute tief zahlt, kann morgen der lukrative Gesamtkunde sein – wenn man ihn heute nicht vor lauter Stolz wegrabadiskontiert und damit die Beziehung zerstört.
Vorläufiges Fazit
Wer seinen Beratern nur den Algorithmus gibt, ohne ihnen das betriebswirtschaftliche Fundament darunter zu stellen, baut ein Haus ohne Keller. Schön anzusehen. Bis der erste Sturm kommt.
Wer ihnen hingegen das Flugzeugsitz-Spiel durchspielt, der hat eine Chance. Denn dann kann der Berater vor dem Kunden nicht nur verteidigen, dass der Preis für ihn heute höher ist. Er kann erklären, warum das im Sinne aller Kunden so ist. Inklusive desjenigen, der gerade mehr zahlt.
Nächstes Mal: Warum alle zufrieden sind.
Möchtest Du das Flugzeugspiel mal spielen mit Deinem Team. Kann man buchen. Bei mir.
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