Wenn es endlich um den Kunden und sein Bedürfnis geht.
Wir haben also gesmalltalkt. Über Wetter, Anreise, Parkplatzsituation, Kaffeequalität und – je nach Branche – vielleicht sogar über die aktuelle Lage, was immer das auch heissen soll.
Dann haben wir unseren Arbeitgeber kurz positioniert. Betonung auf kurz. Nicht die gesamte Gründungsgeschichte seit der ersten Schreibmaschine im Empfangsbereich, sondern einfach: Wer sind wir, was tun wir, worin sind wir stark, warum sitzen wir hier und weshalb ist es für den Kunden nicht komplett absurd, uns fünfzehn bis dreissig Minuten Lebenszeit zu schenken.
Und dann haben wir uns selber vorgestellt. Ebenfalls kurz. Name, Funktion, Rolle im Gespräch und vielleicht noch, warum es lohnt nicht nur meinem Arbeitgeber sondern mir persönlich die 30 Minuten zu schenken. Nicht: „Ich bin seit 2008 mit Leidenschaft im Bereich kundenorientierter Lösungsfindung tätig.“ Das sagt niemand freiwillig. Und wenn doch, sollte jemand freundlich das Fenster öffnen.
So weit, so gut.
Jetzt kommt der Moment, in dem es endlich um den Kunden gehen sollte. Um sein Anliegen. Seine Situation. Seine Erwartungen. Seine Sorgen. Sein Budget. Seine Entscheidungswege. Seine bisherigen Erfahrungen. Kurz: um alles, was uns helfen würde, nicht einfach irgendein Produkt, irgendeine Dienstleistung oder irgendeine PowerPoint-Folie aus der Standardmappe auf ihn abzufeuern.
Willkommen bei der Bedürfnisabklärung.
Klingt harmlos. Ist es aber nicht.
Denn hier trennt sich der Verkäufer vom Prospektständer.
Erst fragen. Dann denken. Dann vielleicht reden.
Im Schulbuch steht es eigentlich ganz vernünftig: Wir stellen offene Fragen. Dann hören wir zu. Dann stellen wir konkretere Fragen. Dann hören wir wieder zu. Und Schritt für Schritt werden die Fragen fokussierter.
Also nicht:
„Sie wollen sicher unsere Premiumlösung?“
Sondern eher:
„Was hat Sie dazu gebracht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?“
Dann vielleicht:
„Was funktioniert heute schon gut – und was nicht?“
Und später:
„Wenn Sie in sechs Monaten sagen würden, das war ein guter Entscheid: Was müsste dann anders sein als heute?“
Das ist keine Zauberei. Das ist auch kein manipulativer Hypnosekurs aus einem Hotel-Seminarraum mit abgestandenem Gipfeli. Es ist im Grunde nur: Interesse zeigen, bevor man eine Lösung verkauft.
Erstaunlicherweise gelingt das nicht immer.
Der Anzug im Untergeschoss
Vor etwa fünfzehn Jahren brauchte ich einen Anzug für die Hochzeit meiner Schwägerin. Ich wollte etwas Spezielles. Nicht zwingend etwas Lautes, Glänzendes oder etwas, das aussieht, als hätte ein Pfau eine Midlife-Crisis. Aber eben etwas Besonderes.
Der Grund war simpel: Ich trug damals beruflich praktisch den ganzen Tag, die ganze Woche Anzüge. Für eine Hochzeit wollte ich also nicht einfach aussehen wie an einem Dienstagmorgen im Büro, nur mit besserem Apéro.
Ich ging also in ein Kleidergeschäft.
Nun muss man fairerweise sagen: Mein Auftritt an diesem Samstagnachmittag war vielleicht nicht ganz auf Savile-Row-Niveau. Kurze Hose. Baseballmütze. Vermutlich dieser Gesichtsausdruck, den Männer haben, wenn sie Kleider kaufen müssen und innerlich bereits nach dem nächstgelegenen Ausgang suchen.
Die Beratung begann dann ungefähr so:
„Wir haben unten im Untergeschoss sehr günstige Abverkaufsmodelle.“
Das war natürlich effizient. Für alle, die gerne in weniger als zehn Sekunden erfahren möchten, was man ihnen zutraut.
Keine Frage nach dem Anlass. Keine Frage nach dem Stil. Keine Frage danach, ob ich oft Anzüge trage. Keine Frage, was ich suche. Nicht einmal ein höfliches: „Darf es etwas Besonderes sein oder möchten Sie einfach möglichst rasch wieder raus?“
Stattdessen: Untergeschoss. Abverkauf. Günstig.
Eine Bedürfnisabklärung im Sinne von: „Wir haben Sie angeschaut und intern bereits entschieden.“
Der BMW und das Superleasing
Ein anderes Mal interessierte ich mich für den damals noch ziemlich neuen BMW Einser.
Ich fand das Auto spannend. Kompakt, frisch, etwas anderes. Ich wollte mich informieren. Vielleicht mal sitzen. Vielleicht fahren. Vielleicht herausfinden, ob das Auto zu mir passt oder ob ich nur gerade einer sehr gut gemachten Werbekampagne aufgesessen war.
Der Verkäufer hatte offenbar eine andere Idee.
Ohne grössere Umwege wurde mir ein Superleasing ohne Anzahlung präsentiert.
Auch das ist natürlich eine Form von Effizienz. Man spart sich den mühsamen Teil mit Fragen wie:
- „Was fahren Sie heute?“
- „Wofür brauchen Sie das Auto hauptsächlich?“
- „Wie viele Kilometer fahren Sie ungefähr?“
- „Was ist für Sie an einem Auto wichtig?“
- und vielleicht mega mutig (not): „Was hat Ihr Interesse am BMW Einser geweckt?“
Stattdessen ging es direkt zur Finanzierung. Und zwar in einer Art, als hätte meine finanzielle Robustheit irgendwo zwischen Studentenkonto und Ueberzugslimite gelegen.
Vielleicht hätte ich bar bezahlt. Vielleicht hätte ich geleast. Vielleicht hätte ich gar nichts gekauft. Man wusste es nicht. Vor allem deshalb nicht, weil niemand gefragt hatte.
Aber das Angebot stand. Grosszügig. Ohne Anzahlung. Für Menschen, die offenbar vor allem eines brauchen: ein Auto und die Illusion, dass monatliche Raten keine echten Kosten sind.
Die Hypothek, die alle machen
Und dann gibt es noch den Klassiker aus der Finanzwelt.
Der Banker sagt: „Viele Kunden entscheiden sich aktuell für eine zehnjährige Festhypothek.“
Das ist nicht komplett falsch. Immerhin steckt darin so etwas wie Social Proof. Wenn viele andere es machen, kann es ja nicht ganz unsinnig sein. Das funktioniert bei Restaurants, Laufschuhen und gelegentlich auch bei Steuerhinterziehung, wobei ich Letzteres nicht empfehlen würde.
Aber auch hier stellt sich die Frage: Und was brauche ich?
Vielleicht ist mir Planungssicherheit extrem wichtig. Vielleicht möchte ich ruhig schlafen und zehn Jahre lang nicht über Zinsen nachdenken. Dann kann eine lange Festhypothek sinnvoll sein.
Vielleicht plane ich aber, das Haus in drei Jahren zu verkaufen. Vielleicht erwarte ich grössere Veränderungen. Vielleicht brauche ich Flexibilität. Vielleicht habe ich eine Risikofähigkeit, die nicht exakt dem Durchschnitt aller anderen Kunden entspricht, die zufällig letzte Woche im gleichen Sitzungszimmer sassen.
„Das machen viele“ ist kein Bedürfnis. Es ist ein Herdengeräusch.
Gute Fragen sind keine Dekoration
Bedürfnisabklärung ist nicht der Teil des Gesprächs, den man kurz absolviert, damit man danach endlich die Broschüre aufklappen darf.
Sie ist der Teil, in dem man herausfindet, ob man überhaupt verstanden hat, worum es geht.
Gute Fragen sind offen, aber nicht beliebig. Konkret, aber nicht eng. Sie beginnen breit und werden dann fokussierter. Wie ein Trichter – nur hoffentlich ohne das Gefühl, dass der Kunde gerade in eine Verkaufsmaschine geschüttet wird.
Es geht nicht darum, den Kunden mit Fragen zu löchern, bis er aus Erschöpfung unterschreibt. Es geht darum, seine Welt zu verstehen. Aber wenn wir zurück gehen zum verpassten Anzugkauf:
Was ist der Anlass?
Was haben Sie sich vorgestellt?
Welche Marken sprechen Sie besonders an?
Welche Ausschlusskriterien gibt es allenfalls? (hier wäre dann der Doppelreiher ausgeschlossen worden?)
Und ja, dann wohl auch noch: „Welches Budget haben Sie im Auge?“
Das sind keine revolutionären Fragen. Aber sie haben einen grossen Vorteil: Sie verhindern, dass wir Menschen anhand von kurzer Hose, Baseballmütze oder vermuteter Leasingtauglichkeit in irgendwelche Schubladen sortieren.
Fazit: Weniger raten, mehr fragen
Wir einigen uns also auf Folgendes: Wer verkaufen, beraten oder überzeugen will, sollte nicht zu früh mit der Lösung beginnen.
Nicht mit dem Abverkaufsanzug.
Nicht mit dem Superleasing.
Nicht mit der zehnjährigen Festhypothek, weil das gerade alle machen.
Sondern mit ein paar guten Fragen.
Offen am Anfang. Konkreter in der Mitte. Fokussiert gegen Schluss.
Und mit echtem Zuhören dazwischen. Ja, ich weiss. Das klingt fast schon radikal. Aber dazu beim nächsten Mal mehr.