Letztes Mal habe ich mir angesehen, wie Unzufriedenheit den Preis treibt. Heute folgt Cluster 3, und der ist subtiler. Es geht nicht mehr um Emotion, sondern um etwas, das fast wie volkswirtschaftliche Vernunft aussieht – es aber nur bedingt ist: der bisherige Preis als Referenzpunkt.
Erstaunlich viele Hypothekarverhandlungen drehen sich gar nicht um die Frage, ob ein Angebot objektiv gut ist. Sondern darum, ob es besser oder schlechter aussieht als das, was der Kunde bisher bezahlt hat. Und genau dort beginnt die Psychologie. Genauer: die Verzerrung.
1. Die Herkunft der Finanzierung – wer kam wie zu uns?
Grundsätzlich gibt es zwei Sorten von Kunden. Da ist der eine, den wir beim Traum vom Eigenheim kompetent begleitet und womöglich weitgehend finanziert haben. Und da ist der andere, der vor drei Jahren aus einer Ablösung zu uns gekommen ist. Und ob es uns gefällt oder nicht: Der Hopper, der Shopper, der Wie-auch-immer-heisst – er wird in der Tendenz preissensitiv bleiben. Er ist schliesslich nicht aus Zuneigung zu unserer Hauszeitschrift gewechselt.
Heisst nicht, dass er ein schlechter Kunde ist. Es heisst nur, dass man ihn über Zusatzmarge kaum rentabilisiert. Über Zusatzgeschäft hingegen schon. Eine Perspektive für die Vorsorge, die Kreditkarte mit dem Lounge-Zugang oder Sparen fürs Studium der Kinder. Allenfalls ist er offen dafür, sicher weniger für eine Margenerhöhung.
Und dann gibt es die feineren Granulierungen, die vom Detailierungsgrad der Kundendaten abhängen: Dieselbe Ablösung kann nämlich ein Loyalitätsfall sein. Wenn wir den Kunden beispielsweise in einer schwierigen Situation von einer nicht kooperativen Hausbank abgelöst haben, ist er zwar formal Ablöser – aber emotional everything other than ein Shopper. Er weiss, wer ihm geholfen hat. Diese Unterscheidung ist nicht in der Preisliste zu finden. Sie lebt in der Kundenbeschichte.
2. Was hat der Kunde bisher bezahlt?
Hier wird es psychologisch. Der Kunde nimmt automatisch den bisherigen Zinssatz als Referenz. Wer seine Hypothek vor sechs Jahren zu 1.05 % abgeschlossen hat, wird eine völlig andere intuitive Forderung formulieren als jemand, der 2022 zu 2.75 % abgeschlossen hat. Der Erste empfindet alles über 1.5 % als Frechheit. Der Zweite nickt bei 2.5 % bereits zufrieden.
Heisst das, dass man den Ersten unheimlich rabattieren muss? Nicht unbedingt. Aber es lohnt sich, vor dem Angebot einen kleinen volkswirtschaftlichen Exkurs einzubauen. Zinsen sind historisch gesehen sehr nah an der Null – nicht die Normalität, sondern die Ausnahme. Wer das einmal kurz skizziert, bringt nicht die Marge in Gefahr, sondern den Kunden weg vom Gefühl und hin zur Einordnung. Und Einordnungen sind geldwerter als Rabatte.
Dann gibt es – und das ist eine wirklich reizvolle Zielgruppe – die Eigenheimbesitzer der 1990er-Jahre. Sie haben mit einer vermutlich deutlich höheren Hypothek einmal um die 7 % bezahlt. Wenn diese Kunden heute die Restfinanzierung von 200′ verlängern, finden sie „alles unter 3 %“ schlicht recht gut. Diese Kunden sind preisunsensitiv im besten Sinne: nicht aus Unwissenheit, sondern aus Erfahrung. Mit ihnen zu verhandeln ist ein Vergnügen. Sofern der Kundenberater das Vergnügen nicht dadurch zerstört, dass er – freundlich, kompetent, gut gemeint – gleich mal einen Standardrabatt offeriert, den der Kunde gar nicht verlangt hatte. Oder solange fröhlich Zusatzmarge draufschlägt bis sogar der vertrauensseeligste Kunde noch misstrauisch wird und das mit mal mit seinem Sohn bespricht (der, wir ahnen es, gerade zu Top-Konditionen auf der anderen Strassenseite verlängert hat).
3. Der bisher gewährte Rabatt – oder: was wir eigentlich nicht wissen
Hier wird es methodisch heikel. Auf den ersten Blick scheint der bisher gewährte Rabatt ein klarer Indikator: viel Rabatt = guter Verhandler = strenge Bedingung. Aber so einfach ist es nicht.
Die meisten Banken kennen Kompetenzabstufungen. Wenn ein Rabatt innerhalb der Kompetenz des Kundenberaters gewährt wurde, dann wissen wir nämlich nicht – und zwar überhaupt nicht –, ob der Kunde besonders gut verhandelt hat oder ob der Kundenberater einfach lieber schnell zum Mittagessen wollte. Beides führt zum identischen Ergebnis in der Datenbank. Aber nur eines davon ist ein verhandlungstechnisch relevanter Befund.
Klare Indizien gibt es nur an den Rändern:
- Aufschläge gegenüber dem Standardpricing sind ein starkes Signal. Wer mehr zahlt als das offizielle Pricing verlangt, hat entweder nie verhandelt oder nie gefordert. Dieser Kunde ist mit grosser Wahrscheinlichkeit preissensitiv nur in eine Richtung: nach oben. Womit er dann entfällt.
- Sehr weitgehende Rabatte, insbesondere solche, die mehrfach kompromittiert wurden, zeigen hingegen: Dieser Kunde verhandelt. Und zwar konsequent.
Alles dazwischen ist Grauzone. Und Grauzonen sind genau dann gefährlich, wenn sie im Gespräch plötzlich Farbe annehmen.
Was bedeutet das konkret?
Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn wir im Gespräch keinen Schockmoment erleben wollen – einen Moment also, in dem der Kunde plötzlich einen „weiss ich wie gross“ Rabatt fordert, der Kundenberater daraufhin massiv Adrenalin ausschüttet und in der resultierenden Panik gleich viel Marge und Glaubwürdigkeit verschenkt – dann lohnt sich eine Vorbereitung.
Wenn die Daten nicht sauber aggregiert aufbereitet sind, dann wenigstens ein kurzer Blick in die Kundenbeschichte. Woher kommt der Kunde? Was hat er bisher bezahlt? Wieviel Rabatt war es – und aus welcher Komenzstufe? Drei Minuten Vorbereitung, die sich am Verhandlungstisch mehrfach auszahlen.
Und allenfalls eine leicht angepasste Gesprächsführung. Der Kunde mit der 1.05 %-Referenz im Kopf braucht den Zins-Exkurs. Der Shopper braucht die Frage nach dem, was er eigentlich noch will. Der Loyalitäts-Ablöser braucht schlicht den Hinweis darauf, dass man sich erinnert. Und der 1990er-Kunde braucht am wenigsten – vor allem keinen Rabatt, den er nicht verlangt hat.
Preise entstehen selten im luftleeren Raum. Sie entstehen aus Beziehungen – und aus Referenzpunkten. Wer die Referenz des Kunden kennt, bevor er selbst eine Zahl nennt, gewinnt die Verhandlung oft schon, bevor sie richtig begonnen hat.
Fortsetzung folgt: Im nächsten Beitrag geht es um Cluster 4, der feuchte Traum von Vertriebssteuerung und von allen Chefs: Crossselling, Kundenbindung und wie Loyalität Hand in Hand mit Zusatzerträgen geht.









