Mitte 2018 kam es zu einer kleinen Reorganisatin. Zu den im letzten Beitrag erwähnten Teams kamen zwei personelle Schwergewichte dazu: die telefonische Beratung der Retail-Kunden und das Contact Center, getauft auf Zentrale Kundenberatung. Personell eine massive Vergrösserung, aber inhaltlich übernahm ich zwei gut funktionierende Bereiche mit erstaunlich vielen Synergien zu meinem bisherigen Spielplatz. Die Retail-Beratung verantwortete rund 150’000 Kundenbeziehungen in Bezug auf Risiko und Compliance (und ich lernte viel, unter anderem zu Love Scam und Enkeltricks) und nutzte die Kundenkontakte gut für Cross Selling. Das Contact Center war 2016 zum besten Contact Center aller Banken in der Schweiz gekürt worden und hatte seither einen massiven Upgrade zum Kunden-Service-Center hinter sich. Alle Anrufe aller Kundengruppen wurden dorthin geroutet. Ziel war nicht mehr das klassische „Ich verbinde Sie weiter“, sondern die fallabschliessende Lösung des Kundenanliegens.
Soweit, so grossartig. Bis auf ein paar prozessuale Optimierungen und eine mitarbeiter- und kundenfreundlichere Einsatzplanung gab es gar nicht so viel zu verändern. Es lief so gut, dass mir mein Vorgesetzter sogar drei Monate Auszeit in Australien bewilligte. Nachzulesen wäre das hier. Während ich irgendwo zwischen Sydney, Outback und Perth im roten Staub stand und mich fragte, ob man wirklich je genug australische Sonnenuntergänge gesehen haben kann, lief der Laden zu Hause…einfach weiter.
Dazu kam, was als sauber integriertes Feature im Online Banking begann – Screen Sharing für Verkaufs- oder Supportgespräche, nüchtern gedacht als „praktische Zeigehilfe“ – entwickelte ein Eigenleben. Unsere Mitarbeiter nutzten diese Zeigehilfe hervorragend. So sehr sogar, dass 2019 über 50 % aller Screen-Sharing-Nutzungen der gesamten Credit Suisse aus der NAB kamen, genauer gesagt aus der Zentralen Kundenberatung. Offenbar hatten wir wieder einmal einen Sweet Spot gefunden. Bis heute vermutlich die liebste Kennzahl meiner Karriere.
Rossy vertrat mich während meiner Auszeit hervorragend. So hervorragend, dass gewisse Leute die Meinung äusserten, ich könnte doch eigentlich gleich dort bleiben, wo ich gerade war. Ich interpretiere das bis heute als Lob. Ganz ohne Auftrag wollte ich dann aber doch nicht verschwinden. Also setzte ich zwei kleine Pflänzchen, von denen ich damals nicht wusste, wie wichtig sie noch werden würden: Robin widmete seine Bachelorarbeit dem Thema „KSC@Home“ – einer vagen Vision von mir, dass Kundenservice eines Tages auch von zuhause aus funktionieren könnte. Dani nutzte 40 Prozent seiner Arbeitszeit während ein paar Monaten, um eine Wissensdatenbank aufzubauen.
Letzteres war unser Versuch, wegzukommen vom täglichen Mail-Tsunami. Vorher war die Logik etwa so: Wenn du sicherstellen willst, dass niemand etwas verpasst, schickst du es einfach allen. Am besten jeden Tag. Und wenn du dich einmal zurückhältst, dann halt am Freitag eine Sammelmail mit 27 Themen. Die Wissensdatenbank sollte genau das beenden: alle Informationen gut auffindbar ablegen, statt alles in Posteingängen zu begraben. Das brauchte ein wenig Change Management. Die typische Reaktion war: „Dazu habe ich keine Mail erhalten.“ Unsere neue Standardantwort: „Du wirst auch nie mehr eine erhalten.
Intern positionierten wir uns als ‚es macht Spass dort zu arbeiten’. So stellten wir unseren Bereich an einem Jahres Kick Off mittels einer Bravo Fotolove-Story vor. Welche darin gipfelte, dass Nicolas die Bühne in einem Superman Kostüm stürmte. Warum wissen wir eigentlich auch nicht mehr, aber er hatte gerade hart seine Komfortzone verlassen. Also eigentlich war wirklich alles recht lustig und erfolgreich.
Und dann kam Corona.
Zuerst dezentralisierten wir die Teams auf mehrere Standorte. So weit, so Krisenhandbuch. Zwei Wochen später schickten wir praktisch alle nach Hause, was die Arbeitswege massiv verkürzte.

Das Krisenhandbuch hatte ab Seite 47 dann doch noch ein paar leere Seiten, die wir spontan füllen mussten. Laptops waren kaum mehr verfügbar. In dieser Phase zeigte sich einmal mehr, dass es oft Einzelne sind, die Systeme retten. In unserem Fall hiess sie Tabea.
Tabea war die erste, die herausfand, wie man „die Bank“ auf einem privaten Laptop installieren konnte, ohne dass die IT kollektiv Schnappatmung bekam. Und sie teilte ihr Wissen dann grosszügig mit allen. Aus Sicherheitsgründen streng nach Vorschrift. Aus praktischen Gründen ziemlich schnell. Plötzlich sassen Menschen mit Headset am Küchentisch, im Kinderzimmer oder auf dem Balkon (ja wirklich).

Zusätzlich zu allem anderen tauchten die Corona-Kredite des Bundes auf. Innerhalb kürzester Zeit sollten grosse Beträge gesprochen werden. Die Vorgaben waren – höflich formuliert – dynamisch. Viel war unklar, Interpretationen änderten sich, und mittendrin sassen unsere Leute an der Front und versuchten, das Chaos für die Kunden in irgendetwas zu übersetzen, das sich wie eine seriöse Banklösung anfühlt. Die Telefonleitungen liefen heiss, die Mails auch. Ich war einmal mehr beeindruckt, wie viel Pragmatismus, Bauchgefühl und gesunder Menschenverstand in so einem System stecken, bevor dann irgendwann die offiziellen Weisungen hinterherkommen.
Wie so viele andere mussten auch wir lernen, wie sich Kultur über Bildschirme anfühlt. Wir bespassten uns und unsere Mitarbeitenden mit Video- und Foto-Challenges, virtuellen Apéros (und genau bei so einem lief ein Partner halbnackt in die Party rein) und kreativen Pausenformaten. Nicht alles war tiefgründig, vieles war einfach lustig – und genau das brauchte es.
Und wir wurden wieder kreativ – diesmal sehr konkret: Um ältere Kunden aus den Schalterhallen fernzuhalten, boten wir einen Hauslieferdienst für Bargeld an. Nichts, womit man Geld verdient. Ganz im Gegenteil: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war das ein absoluter Unsinn. Aber als Bank ein paar Sympathiepunkte zu holen, kann ja auch nicht schaden. Eine Bank, die Bargeld nach Hause liefert, hat in Zeiten von Social Distancing etwas fast Rührendes.
Vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus dieser Phase: Du kannst Strategien planen, Organigramme malen und Prozesse definieren – aber wenn es ernst wird, halten dich am Ende immer die Menschen. Die, die wissen, wo das Wissen steht. Die, die Verantwortung übernehmen, auch wenn niemand sie offiziell darum gebeten hat. Und die, die im Zweifel lieber eine pragmatische Lösung für einen Kunden finden, als auf die perfekte Weisung zu warten.
Und als wir das alles geübt und bewiesen hatten und die Schweiz im Sommer 2020 das Gefühl hatte, auch Corona irgendwie unter Kontrolle gebracht zu haben, da haute uns unser Mutterhaus mitten eins in die Fresse. Aber dazu mehr beim nächsten Mal.
In naher Zukunft werde ich alle Stationen meiner Karriere in Blogform verarbeiten, reflektieren oder – ehrlich gesagt – einfach hobbyliterarisch verwursten. Abonniere diesen Blog, um keine Folge zu verpassen.
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