about Schneeketten

Ich hoffe, dass mich niemand verklagt wegen des irreführenden Titels, hier geht es nämlich gar nicht um Schneeketten oder höchstens ganz am Rand oder ganz am Schluss. Aber mal ganz von vorne.

1997 schloss ich die Kantonsschule Baden mit einer Maturität Typus E ab (ja, genau, ich bin so alt, dass es noch Maturitätstypen gab, ich habe im Kindergarten zu Weihnachten auch noch Aschenbecher getöpfert). Und da ich keine Pläne für nach der Kanti hatte, stand in der Auflistung aller Absolventen bei mir unter Zukunftsplänen „Zwischenjahr“, die edle Form von „keine Ahnung“. Nach dieser Matura ging ich in die Rekrutenschule nach Thun und nach ca. der Hälfte dieser RS fragte mich mein Vater, ob ich denn nun endlich einen Plan gefunden hätte. Nein, hatte ich nicht, aber als ich an jenem Wochenende wieder einrückte, suchte die Credit Suisse gerade Mittelschulpraktikanten und so bewarb ich mich da und bekam die Stelle. So viel zu meiner wohlüberlegten und sehr strukturierten Berufswahl.

Schulisch mogelte ich mich ab dann durch mit Weiterbildungen, welche ich gemäss meinem Bruder auswählte nach dem Kriterium „beste Chance mit wenig Aufwand in die Ränge zu kommen“ (was natürlich insbesondere auf das SKU-Programm in der Elite Stammgruppe A keinesfalls zutrifft), was ich natürlich vehemmt abstritt, abstreite und immer abstreiten werde. Und da ich irgendwann recht gut einschätzen konnte, dass ich absolut maximal untalentiert bin für das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten und für die Montage von Schneeketten (was ich genau einmal tat: in der RS, bei 32 Grad im Schatten, auf der sonnigen Panzerpiste des Waffenplatzes Thun, in einer Gruppe mit zwei Automechanikern), machte ich es irgendwann zu meinem Grundsatz, genau diese zwei Dinge nie zu tun in meinem Leben: eine Masterthese zu schreiben und Schneeketten zu montieren.

Quelle: Stern.de

Bis zu einem magischen Tag, als ich einem entfernten Bekannten durchaus mit Stolz davon erzählte, dass ich in jungen Jahren den Lehrgang zum eidg. dipl. Verkaufsleiter absolviert hätte und (ebenfalls mit Stolz) heute als Dozent an gleichem Lehrgang unterrichten würde. Er fragte dann leicht stutzend nach mit „habe ich das grad richtig verstanden, dass Dein höchster schulischer Abschluss eine Verkäuferlehre ist?“. Womit mir ein für allemal und endgültig bewusst wurde, dass in einem Umfeld, wo der Bachelor (nein, nicht der mit der Rose, der von der Fachhochschule) quasi die Verlängerung der Lehre ist und ja eigentlich nur universitäre Master aus Zürich und St.Gallen und noch besser Stanford zählen, ein MAS in irgendwas an der Schule irgendwie in irgendwo die Mindestanforderung ist, um überhaupt bei solch hochgestochenen Gesprächen zugelassen zu werden.

Womit ich dann mal zu recherchieren begann und feststellte, dass ich bei zwei absolvierten CAS noch genau ein CAS und eine Masterthese von genau diesem Abschluss entfernt bin. Das noch zu absolvierende CAS suchte ich dann aus nach der Methode „lässt sich mit den zwei anderen zu einem MAS zusammenfügen und hat am Schluss eine Prüfung anstatt eine Zertifikatsarbeit“, wobei ich ja zugeben muss, dass ein wenig Training in Form einer solchen Zertifikatsarbeit gar nicht so saublöd gewesen wäre.

Todesmutig habe ich mich im April in die Vorstudie zu meiner Masterthese gestürzt und für diese im Juni ein „pass“ erhalten (ich hatte noch kurz auf ein fail gehofft, dann wäre mir die weitere Arbeit erspart geblieben…), die letzten Monate habe ich mich mit für mich erstaunlicher Disziplin hinter diese Arbeit gesetzt und zwischenzeitlich überrascht festgetellt, dass ich sogar Spass daran hatte. Ja klar, mal mehr und mal weniger aber insgesamt war es ganz ok. Am letzten Samstag um den Mittag habe ich dann den letzten Punkt gesetzt. Am Samstagabend einen allerletzten Abschnitt ergänzt und erneut den letzten Punkt gesetzt. Am Montag noch zwei Quellen durch aus meiner Sicht validere Quellen ersetzt. Nun ist die Arbeit im Lektorat, nächste Woche werde ich letzte Korrekturen vornehmen, dann die Arbeit drucken und binden (lassen) und dann am 29. Oktober mit geplanten zwei Tagen Reserve hochfeierlich persönlich einreichen.

Womit noch genau eine letzte Komfortzone bleibt in meinem Leben: Ich habe weiterhin nie auf dem Weg nach Arosa im steilen Stück unterhalb von Litzirüti in der Dunkelheit eines aufziehenden Schneesturmes Schneeketten aufgezogen. Eigentlich soll man seine Komfortzone ja verlassen. Aber ich lasse Euch entscheiden:

Daumen hoch unter den Post dieses Artikels auf Linked in oder Facebook heisst: brauchen wir nicht, bleib an der Wärme

ein Herz unter den Post dieses Artikles auf Linked In oder Facebook heisst. Los, verlasse Deine Komfortzone, warte den Sturm ab, zieh die Ketten auf. Ich will das Video davon sehen.

next stop: Litzrüti

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