Wie bereits mehrfach berichtet, hält ja die Aussicht, alleine in einem Restaurant essen zu müssen, gewisse Menschen vom Reisen, ja sogar von Ausflügen ab. Diese Geschichte soll alle Mitglieder dieser Gruppe ermutigen, es mal zu versuchen.
Zuerst aber ein Abschweifer, der handelt auch vom alleine essen. Und enthält eine freie Mahlzeit auf dem Gotthard-Pass für alle Leser (also nicht etwa einen Gutschein oder so, aber eine ziemlich brauchbare Anleitung). Die Geschichte handelt von Roger Keller. Es ist wohl der Chef, dem ich am meisten zu verdanken habe (das gäbe einen eigenen Beitrag), andere würden es wohl mit ein paar Kisten Wein tun, ich mit einem Gastauftritt, um den er fast schon flehentlich gebettelt hat (und Roger, falls Christiane (Paar-Gastauftritt) die Geschichte noch nicht kennt: Jetzt wäre ein guter Moment, sie mal zu erzählen). Die Geschichte geht so: Roger lud einmal alle seine Direktunterstellten zu einer Wanderung auf den Gotthardpass ein (also eigentlich zwang er uns). Das Bild stammt von meinem Instagram-Profil, einfach falls jemand noch nicht weiss, dass ich auf Instagram bin:

Die Einladung von Roger grosszügig, denn in Andermatt (von Andermatt handelt übrigens einer meiner ersten Blogposts (ja genau der, in dem ich ganz nah am Olympiasieg Olympiasieger in der Herrenabfahrt dran war und Reto (der einfach nie ins Bett wollte) und Lars (der hätte bei einer Tanzeinlage noch fast einen Unfall gehabt) hatten tragende Nebenrollen)) stellte sich Roger im Coop an die Kasse und wir durften uns alle unseren Proviant (ein sogenannter Zwipf (militärische Kurzform von Zwischenverpflegung) in Rogers Sprache) zusammenstellen. Der Unverschämteste (nicht ich) deckte sich gleich noch mit einer Kurpackung der teuren Gilette-Rasierklingen ein. Nun, die Wanderung war für die einen wunderschön, für andere eher anstrengend, mir mich beides. Oben angekommen bezogen wir die schönen Zimmer im Hospiz und dann gab es wohlverdient was zu Essen und ein paar Bier oder Gläser Wein. Um Mitternacht wollte die Wirtin schliessen, unter grossen persönlichen Einsatz erkämpfte Roger fünf weitere Runden für seine festfreudigen Mitarbeitenden, die zweitletzte durch Androhung des Anstimmens von „einer geht noch, einer geht noch rein“, die allerletzte durch tatsächliches Absingen dieses Partykrachers (so zumindest meine Erinnerung).
Aber eigentlich handelt die Geschichte ja vom alleine Essen und ihr alle wollt ja vor allem kostenlos speisen auf dem Gotthard. Und das war so: Alle sassen beim Frühstück, nur Roger fehlte. Als die Abfahrt des Buses nur noch 20 Minuten entfernt war, versuchten wir in grösser werdender Panik, Roger zu erreichen. Als er endlich den Anruf entgegennahm, fragte er sogleich leicht genervt: „wo sind ihr?“. Auch Roger war beim Frühstück (allein oder einfach mit sich selber) und fragte sich, wo wir waren. Er war über die Strasse ins Selbstbedienungsrestaurant gegangen, hatte sich reichlich mit Kaffee, Obst, Müesli, Käse, Wurstwaren und Brot mit Butter (und sicher auch noch Honig und Konfitüre, womöglich hat er noch nach seiner persönlichen Lieblingssorte gefragt) eingedeckt und die Kasse selbstbewusst mit „bin Hotelgast“ passiert. Und das wäre jetzt die Anleitung zur Gratisverpflegung gewesen: Einfach selbstbewusst (am besten hart an der Grenze zur Arroganz) an der Kasse vorbeischreiten und mit Bestimmtheit etwas halbwegs plausibles sagen, Variationen könnten sein: „gehöre zur Bustour“, „bitte auf Rechnung Meier“ oder „Skiclub Gontenschwil“ – die gewagteste Variante (hier für den Gastauftritt von Pippo und Lukas (er der mutigste Lernende, dem ich je begegnet bin)) wäre sicher #TeamSchletzBier. Und so was funktioniert alleine tendenziell besser als in der Gruppe.
Damit haben wir diesen Abschweifer endlich hinter uns. Er leitet mich aber zu einem zweiten, sehr kurzen (versproche, im Fall). Rogers Auftritt erinnert ja stark an Leonardo di Caprio und seine Rolle in Catch me if you can. Über Leo (für Freunde) habe ich bereits In meinem Beitrag über Broome geschrieben. Catch me if you can sah ich 2003 in Sydney, an einem regnerischen Nachmittag in einem fast leeren Kino. Und weil mir der Film so gut gefiel und ich fand, dass man bei einer zweiten Betrachtung sicher weitere amüsante Details entdecken würde (und vor allem auch, weil es immer noch regnete), war Vorstellungsende plus zehn Minuten für mich auch grad nochmals Vorstellungsbeginn. Habe ich vorher nie gemacht, habe ich danach nie mehr gemacht. Aber genau darum ist Reisen so wunderbar, weil man (leicht absurde) Dinge tun kann, die man sonst nie tut (und wenn man alleine reist, muss man sich nicht mal rechtfertigen).
So, aber jetzt genug der Abschweifer, jetzt gehts ums alleine Essen: Am Abend nach der nicht ganz so wilden Return-Party (nachzulesen hier) sass ich gemütlich in der Breeze Bar in Airlie Beach. Natürlich alleine, also mit meinem I-Pad, auf dem ich ein Buch las. Und obwohl es gar nicht so war, können wir uns ja vorstellen, dass sowohl die Pärchen an den Nebentischen wie auch die grosse Männergruppe am grossen Tisch immer wieder mitleidig zu mir schauten. Allenfalls machten sie noch Aussagen wie „poor guy“, „lonely“, „lonesome“ oder „no wonder he has no friends, just look at him“. Vielleicht lachten sie dazu und zeigten mit dem Finger auf mich und vielleicht fragte mich noch einer direkt „why are you alone?“. Machten sie alles nicht, in Airlie Beach sind viele Alleinreisende unterwegs und alle Restaurants haben grosse Tische und man kann sich überall dazusetzen (also vielleicht nicht grad bei den Frischverliebten, welche die Finger keine Sekunde von einander lassen können, aber bei allen anderen schon).
Aber stellen wir uns vor, es wäre so gewesen oder zumindest gefühlt so gewesen. Denn genau in jenem Moment als ich mich unter meinem Tisch vergraben wollte, erschien Esther, regelmässige Leser kennen sie schon als weiblichen Teil aus dem Schweizerischen-Holländischen Doppel von der Return-Party. Und ab hier hat es sich zu 100 % genau so zugetragen (ich schwörs, im Fall). Nun, Esther ist so die Person, die tendenziell auffällt, ein Bild mag es schon zum Teil erklären:

Wer mehr von ihr sehen möchte, der folge ihr auf Instagram, wenig überraschend hat sie ein leicht besseres Likes/Follower-Verhältnis als ich. Aber auch sie hat ihre bad-hair-moments, zum Beispiel, wenn sie grad aus einem Flugzeug springt (Foto offiziell autorisiert von der Protagonistin):

Nun hat sie auch einen Gang, der gewisse Männerköpfe (und auch die der Frauen) drehen lässt, vor allem aber ist sie tendenziell manchman eher wahnsinnig laut und extrovertiert im Vergleich zu anderen Menschen. Und sie lacht immer. Und so rief schrie sie meinen Namen durch die ganze Bar und da ich in mein Buch vertieft war sogar mehr als einmal und darum schauten auch all die Pärchen (sogar die Frischverliebten) auf. Zweite auffällige Eigenschaft an Esther ist, dass Begrüssung ohne Umarmung nicht geht, so richtig fest mit drücken und auf den Rücken klopfen, dazu laut lachen. Erste neidische Blicke von der grossen Männergruppe trafen mich, erste giftige Blicke des weiblichen Teils der Frischverliebten trafen Esther. In diesem Moment wurde mein Essen serviert, was Esther mit ‚oh, I have already had my dinner, so I cannot join you‘. Leichte Schadenfreude vom Männertisch, gewisse Erleichterung bei der Frischverliebten. Aber ohne Aufforderung meinerseits fuhr Esther fort mit „but you know what, I will just join you for a drink“ und führte damit zu einer leichten Gesichtsentgleisung bei der Frischverliebten, weil ihr Frischverliebter darob erfreut zu sein schien. Hart an der Grenze von Selbstbewusstsein zu Arroganz (habe trainiert für den Gotthard) antwortete ich „well, you know, I actually would have preferred to keep going with my book (kurzes Aufflackern von Hoffnung am Nebentisch) – but if you do not have any other plans, why not?“
Und so setzte sich Esther nieder, erzählte lustige Geschichten (laut und extrovertiert mit vielen Lachern). Zwischenzeitlich verliess sie mich mal kurz wortlos (kurze Hoffnung oder Schadenfreude an den Nebentischen), aber nur um eine zu rauchen (und das ist in Australien schon so was von rebellisch, die Raucher müssen sich ihre Zonen richtiggehend suchen). Sie kam wieder. Als ich fertig gespiesen und wir beide fertig getrunken hatten, forderte sie mich auf (wieder nahe 100 Dezibel), noch in ein anderes Lokal auf ein Bier zu kommen. Und so verliessen wir den Tatort (ganz kurz: der letzte Schweizer Tatort war ja so was von unterirdisch schlecht, ich fühle mich fast genötigt, mich bei allen Deutschen und Österreichern dafür zu entschuldigen) gemeinsam. Ich spürte die Blicke in unseren Rücken (schaute aber nicht zurück) und als wäre mein Triumpf nicht schon umfassend genug gewesen, fragte ich Esther (ja und genau da könnte man mal auf die Schnauze fliegen, weil man übertreibt), ob sie sich nicht bei mir einhängen wolle, was sie mit lautem Lachen freudig tat.
Und was Lernen wir draus: Alleine Essen kann gratis sein, alleine Essen muss überhaupt nicht einsam sein, falls man mit einem Auftritt Esthers rechnet, empfiehlt sich allenfalls ein Pamir und zum Glück bekommt der Tatort ein neues Schweizer Ermittlerduo.
Next Stop: immer noch Sydney.
Cheers, mates.
























