In meinem letzten Artikel (wenn Du jetzt geklickt hast, dann hast Du in etwa gleiche Aufmerksamkeitsspanne wie Donald Trump – herzliche Gratulation) habe ich ja zu erklären versucht, dass wir aus meiner Sicht weiterhin 1. die Ausbreitung des Corona-Virus eindämmen und dabei 2. Wege wählen sollten mit möglichst tiefen sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen (Neben-) Kosten. Daher meine Erkenntnis, dass es weniger „weh“ tut, im Zug oder beim Einkaufen eine Maske zu tragen, als nicht mehr ins Restaurant zu können oder Geisterspiele im Fussball anzusehen – oder gar wieder einen (partiellen) Lockout zu haben.

Weiterer Teil der Eindämmungsstrategie ist ja das konsequente Contact Tracing. Das heisst in etwa so viel, dass eine Person mit positivem Corona-Test nach all ihren näheren Kontakten in letzten Tagen befragt wird. Diese Kontakte werden dann angerufen und aufgefordert, sich selber zu isolieren und/oder (hoffentlich negativ) testen zu lassen, um nicht weitere Personen anzustecken.
Soweit so gut und die entsprechenden Kapazitäten sind gegenüber der ersten (hoffen wir, dass sie die einzige bleibt, mein Optimismus ist (nennen wir es mal) überschaubar) Welle massiv ausgebaut in allen Kantonen. Nun ist dieses manuelle Tracen erstens sehr aufwändig (also die Befragung der einzelnen Person und das Abtelefonieren dieser Kontakte) und zweitens nie vollständig. Eine positiv getestete Person kann nur Kontaktpersonen angeben, welche sie kennt. Kein Problem beim gemeinsamen Restaurantbesuch mit einem Freund, auch kein Problem bei der Bürokollegin, wohl auch recht einfach in Bezug auf die Teilnehmenden an einem hippen Networking-Event von coolen Start-Up-Foundern im Bereich der aufstrebenden digital Life Coaching-Branche (kurzes Selbstlob hart an der Grenze von Selbstbewusstsein zu Arroganz: Diese Anlassumschreibung finde ich gerade wieder mal saumässig gelungen).
Aber durchaus problematisch in Bezug auf den unbekannten lustigen Engländer von der Alstom, mit dem ich mich im Mr. Pickwick-Pub in Baden (genau, im legendären Piwi, welches noch genau so aussieht wie vor 25 Jahren und dabei war es schon damals leicht schmuddelig) so blendend unterhalten habe. Auch problematisch in Bezug auf den laut (und vor allem saumässig gescheit, so viele englische Fremdwörter wie lean, team, stream, am liebsten in der ververbten Form wie „mir müend das jetzt einfach konsequent leane“) telefonierenden Sitznachbar im vollen Zug nach Zürich (und eine Maske habe ich ja auch nicht getragen, obwohl es an dieser Stelle vor wenigen Tagen ja so eindringlich empfohlen wurde). Und auch problematisch in Bezug auf die attraktive 30jährige, welche ich stylish aufgemotzt an der SaNaPa faktisch niedergeflirtet habe, welche mir ihre Nummer aber trotz aller Ueberredungskünste einfach nicht geben wollte. Nun kann ich ja argumentieren, dass ich auch gar nicht zu wissen brauche, wenn eine mir unbekannte Person Covid-positiv ist, weil ich am nahen Kontakt ja dann eh nichts mehr ändern kann und folglich auch positiv (mit oder ohne Symptome) oder nicht bin. Eine gleich doppelt sehr egoistische Denkweise, denn erstens gefährde ich damit alle mir nahe stehenden und nahe kommenden Personen (sei es bei der Arbeit, z.B. in einem Beruf, welcher Distanz nicht zulässt) oder bei meinen Liebsten, mit denen ich allenfalls ja sogar zusammenwohne oder im Falle der Eltern mal zusammengewohnt habe. Und zweitens verhalte ich mich damit schlicht unsolidarisch mit der „Restschweiz“, welche alles unternimmt, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten und dafür ja grosse (wirtschaftliche) Nebenwirkungen in Kauf nimmt.
Da ich ja nicht unsolidarisch sein will, gehen wir mal davon aus, dass ich grundsätzlich wissen möchte, wenn positiv-gefährdet bin, entweder um mich hoffentlich negativ testen zu lassen oder mich sonst zu isolieren. Und hier kommt nun diese Covid-App ins Spiel, welche mir ja mit gewisser Wahrscheinlichkeit (nein, 100 % Sicherheit gibt es logischerweise nicht, aber nicht alles Unperfekte ist deswegen gleich unterirdisch schlecht) melden würde, wenn eine mir nahe gewesene Person (und eben auch die, die ich nicht kenne) positiv ist. Smart oder?

Trotzdem gibt es Argumente gegen das Herunterladen dieser App. Meine persönlichen Favoriten: „ich habe kein entsprechendes Gerät“ – ja solche Personen gibt es ganz sicher. Aber ganz sicher nicht die 11 %, welche diese Antwort in einer Umfrage des Tagesanzeigers gewählt haben. Einfach: Wenn Du diesen Blog auf Deinem Smartphone liest, dann hast Du vermutlich ein passendes Gerät. Nummer zwei: „es funktioniert über Bluetooth, dann ist mein Akku schneller leer“. Rein technisch gesehen korrekt. Auch die modernste Version von Bluetooth benötigt ein wenig Strom, folglich entleert sich der Akku ein wenig schneller. Aber: Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Gruppen von Smartphone-Nutzern: Fast-nie-und-nur-im-Notfall-Nutzer wie meine Mutter, deren Akku sowieso locker einen Tag hält. Und mega-viel-die-ganze-Zeit-auf-den-Bildschirm-Starrer-und-dazu-(mit-Bluetooth)-über-die-coolen-Air-Pods-laut-Musik-Hörer, bei denen der Zusatzverbrauch (also die Zeit, in denen sie gerade nicht Musik hören oder Filme schauen) quasi irrelevant ist, weil sie eh nur mit Zwischenladungen durch den Tag kommen. Ja, genau, und dann gibt es noch die 0.0001% der Bevölkerung, deren Akku jeweils genau beim zu Bett gehen von 2 % auf 1 % wechselt, weil sie auch sonst ihre Energie immer opitmal einteilen. Falls Du zu dieser Gruppe gehörst, akzeptiere ich Deine Ausrede. Bitte ab heute jeden Abend ein Screen-Shot mit Akku-Anzeige an mich. Danke.
Nun aber zu meinen absoluten Favoriten: Den Datenschutz-Aposteln, welche irgendwie verwandt scheinen mit den Verschwörungstheoretikern. Zuerst ganz kurz: Die App zeichnet auf dem Gerät auf, welchen anderen Geräten Du nahe gekommen bist. Dabei interessiert sich die App nicht dafür, wer Du bist, faktisch interessiert sie sich nur für den Standort des Gerätes relativ zu anderen Geräten, egal ob im Zug, an der SaNaPa oder im Piwi. Aber sogar wenn: Es ist der Schweizer Staat, der hier Daten auswerten würde, wenn denn die schiere Menge individuell auswertbar wäre und es jemanden interessieren würde. Und die Auswertung würde (wenn sie denn stattfände) ja maschinell stattfinden, oder meinst Du, dass sich Simonetta Somuaruga jeweils am Abend mit Alain Berset (oder allenfalls Bill Gates) zusammensetzen würde, um dann zu sagen: „Du, lueg, dä Heiri, dä Saucheib isch scho wieder im Piwi. Debi hät er doch am Trudi gseit, er segi hüt im Turnverein“.
Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, dass jeder Smartphone-Nutzer und jede -Nutzerin sowieso schon viel mehr Spuren hinterlässt, als Simonetta und Alain je kennen wollen. Ja, alle Apple-Pay-Bezahler (die dann aber im Restaurant keine Nummer hinterlassen wollen bei der Reservation, übrigens auch die, welche per Karte bezahlen) und alle Facebook- (und damit auch Insta- und Whatsapp-) Nutzer hinterlassen Spuren (vor allem diejenigen, welche bei so lustigen Spielen Religion, Einkommen, sexuelle Orientierung sowie Unterhosefarbe hinterlassen, um dann herauszufinden, dass sie im nächsten Leben ein dreibeiniges Einhorn sein könnten). Auch alle die begeisterten Besteller bei Wish und Ali-Express (weil es eben so viel günstiger ist dort – was Menschenrechte oder Umweltverschutzung in China? hä?) hinterlassen viele Daten genauso wie alle Leser meines Blogs (ja, genau, WordPress weiss jetzt, dass Du hier warst, ich persönlich weiss es trotzdem nicht, aber ich freue mich über Deinen Besuch). Wenn das alles also nicht auf Dich zutritt (einfach gesagt: wenn Du das also gerade auf einem Desktop gelesen hast), dann hast Du die Legitimation, die App App sein zu lassen und Dich und Deine Daten zu schützen. Maximal 1% der Leser hier.
Alle anderen (also die verbleibenden 99%): Bitte legt Euch diese App zu, sie entfaltet ihre Wirkung offenbar nur, wenn ein substantieller Teil der Bevölkerung und vor allem die Aktiven mitmachen. Es braucht also uns alle! Löscht dafür zwei, drei andere Apps, welche ihr nicht mehr nützt. Damit tut ihr was Gutes für Euch und für die Schweiz und gleichzeitig reduziert ihr sogar Eure Spuren im Netz ein wenig. Smart, hä?
Danke – und bliebed gsund!
next stop: sag ich Euch sicher nicht, das ist meine Privatsphäre! 🙂
Cheers, mates


















