In meinem letzten Beitrag habe ich ja unter anderem geschrieben, wie ich die Schweiz durchwandert habe, nur um erzählen zu können, einmal zu Fuss an ein Spiel meines geliebten HC Ambrì-Piotta gegangen (im wahrsten Sinn des Wortes gegangen) zu sein. Jener Beitrag entstand auf dem Hinweg an den Spengler Cup. Nun hat Ambrì in Davos ja einen fast schon sporthistorischen Sieg gegen die Russen aus Ufa erzielt. Grund genug, die lange Zugfahrt zurück (und wiederum war es so, dass die Rückreise viel länger dauerte als die Hinreise) diesem Beitrag meine Liebe zu Ambrì zu widmen.

Ich werde ja öfters gefragt, warum ich überhaupt Ambrì-Fan sei. Nun, die Geschichte begann 1996, Kloten (die ich damals noch ziemlich cool fand) als dreifacher Meister hatte die ersten zwei Spiele des Playoff-Halbfinale (damals noch best of five) gewonnen, Ambrì lag nach zwei Dritteln des dritten Spiels 0-7 zurück, womit das Saison-Ende unaufhörlich näher kam. Nun, die Klotener Fans nahmen diesen Sieg mit der Arroganz des bald vierfachen Meisters hin, die Fans aus der Leventina feierten ihre Mannschaft aber für eine tolle Saison und skandierten während des gesamten letzten Drittels „siamo sempre con voi“. Ab diesem Tag war mein Herz vergeben.
Nun, Ambrì und ich hatten bessere und schlechtere Zeiten: Ich war in den Playoffs 2006 dabei, als wir (ab jetzt sage ich wir) die ersten drei Spiele gegen Lugano gewannen und im vierten Spiel wenige Sekunden vor Schluss den Todesstoss gegen Lugano verpassten und dann zur ersten Mannschaft wurden, welche in den Playoffs trotz 3-0-Vorsprung ausscheidet. Das Stadion war damals so voll (eingelassen wurde sicher mehr als die offizielle Zuschauerzahl), dass es kein vor und kein zurück gab. Ich war in den Playoffs 2014 dabei, als wir gegen Fribourg sang- und klanglos ausschieden. Ich war dabei, als wir gegen Rapperswil das erste Spiel der Saison trotz 5-2-Führung kurz vor Schluss noch verloren (ok, seit diesem Unihockey-Halbfinale wissen wir, dass auch ein 6-1 keine Garantie für den Sieg ist). Dutzende Male schworen wir uns auf dem Heimweg, nie mehr nach Ambrì zu fahren, nur um uns am folgenden Wochenende dann doch wieder SMS zu schreiben mit Inhalten wie „fahrsch Du?“ (man merke: es ging schon nicht mehr darum, ob wir gehen sondern nur noch darum, wer fährt).
Zwischenzeitlich wurden die Besuche so regelmässig und damit gewohnt, dass wir uns weder darum kümmerten, gegen wen wir spielten noch wann das Spiel starten könnte. So ist der 2. Januar in der Deutschschweiz ein Feiertag, im Tessin aber nicht. Und so waren wir wie für ein Sonntagsspiel um 16.00 Uhr dort und merkten dann, dass das Spiel erst um 20.00 Uhr starten würde. Oder in Langnau mussten wir einmal feststellen, dass das Spiel im neuen Stadion leider ausverkauft war.
Aber ich war dafür auch dabei, als wir 2004 die Playoffs gegen Servette bestritten, das war wohl meine intensivste Zeit. Montag Ambrì, Donnerstag Genf, Samstag wieder Ambrì und da gewannen wir sogar noch, so dass es am Sonntag zu einem Entscheidungsspiel (wieder in Genf) kommen sollte. Auf der Rückfahrt hörten Knipser Knuser und ich im Radio, dass das Spiel im TV übertragen würde und fragten (damals noch via SMS) scheu im Auto des schicken Möbelhändlers nach, ob man nach den Strapazen der Woche das Spiel allenfalls auch bequem auf dem Sofa schauen könnte. Noch nie hat er er uns so rasch angerufen, noch nie war er so entsetzt, noch nie war seine Stimme lauter und er drohte uns für den simplen Gedanken an etwas mehr Komfort das Ende der damals schon 15jährigen Freundschaft an. Nun, die wollten wir nicht riskieren und nahmen deshalb zu viert die lange Reise nach Genf in einem Seat Ibiza unter die Räder. Da auch gerade noch Autosalon war, war Stau auf dem Hin- und Rückweg im Paket mit dabei. Wir verloren zwar und schieden aus, feierten aber die Mannschaft noch ewig für die tolle Saison – und wenn ich mich recht erinnere, feierten ein paar Genfer Fans mit uns.
2006 war ich dann bei der Playoff-Qualifikation live dabei und auch wenn ich das damals noch nicht wusste, war dies der Beginn einer langen Serie. Denn eine Playoffqualifikation ist ja gleichbedeutend mit dem definitiven Nicht-Abstieg (ja und wir sollten über die Jahre lernen, dass es bei Ambrì wohl vor allem um den Nicht-Abstieg geht). Von 2006 bis 2017 war ich 12 Mal in Folge beim definitiven Nicht-Abstieg dabei (und das ist richtig gerechnet… wie bei den Bäumen und der Allee), wobei leider nur 2014 eine weitere Playoffqualifikation dafür stand. Diesbezüglicher Höhepunkt war wohl 2009 in Biel: Es war Spiel 6 des Playout-Finales, ein Sieg hätte Ambrì gerettet. Nun lagen wir nach 30 Minuten leider 3-0 hinten und mit Eric Westrum war unser Bester grad verletzungsbedingt ausgeschieden. Wir stellten uns also auf eine weitere Reise in den Süden ein. Aber (wie auch immer) schafften wir es, auf 3-3 auszugleichen, was eine Verlängerung erzwang. Diese mussten wir aufgrund einer Strafe leider mit einem Mann weniger in Angriff nehmen, was wir schon als so was wie den Nahtod empfanden. Wie auch immer kam Ambrì zu einem Konter, welcher mit einem Foul und damit einem Penalty endete. Wir werden nie wissen, warum Nick Naumenko diesen unbedingt schiessen wollte in seinem letzten Spiel für Ambrì (er hatte vorher nie einen geschossen und daher auch nie einen verwandelt), aber er wusste was er tat, verwandelte und versetzte uns in Ekstase. So eine Ekstase ist, wenn sich wildfremde Menschen 30 Minuten nach dem Spiel immer noch schreiend in den Armen liegen. Ich weiss nicht, ob der Fall der Berliner Mauer emotionaler war. Am nächsten Tag hatte ich übrigens am frühen Morgen mein Vorstellungsgespräch bei King Roger (nein, nicht Federer, dafür beim Gratis-Esser vom Gotthard) und als mich sein Chef fragte, was ich in den letzten 12 Monaten so erlebt hätte, erzählte ich eigentlich nur von Ambrì – und ich weiss auch nicht warum, aber ich bekam dann die Stelle.
Auf dem Weg zu diesem heroischen Sieg hatte Ambrì die ersten zwei Spiele verloren und war in Spiel 3 zu Hause ziemlich unter Druck. Ich leistete gerade Militärdienst in Andermatt (ja genau, über Andermatt habe ich auch schon berichtet) und beantragte zum Besuch des Spiels Ausdehnung des Augangsrayons. Diese wurde von unserem Kommandanten abgelehnt, da er keine „Schlägereien in Uniformen im TV sehen wolle“ (ziemlicher Hockey-Experte der Mann). Nach langen diplomatischen Verhandlungen reichten wir das Gesuch erneut ein, dieses Mal mit der Begründung „Besuch von Freunden („networking“)“. Es wurde stattgegeben und so reisten wir zu viert durch den Gotthard, drei davon zu ihrem ersten Spiel in der Valascia. Nun, Ambrì führte nach wenigen Minuten 3-0 und das Stadion war ein Tollhaus und auch wenn die drei nicht gerade leidenschaftliche Fans geworden sind, so hegen sie zumindest Sympathien. Nur Lars, der SCB-Fan, fiel primär durch nicht jugendfreie Witze auf. Und ich glaube, an diesem gleichen Abend hätte er sich dann in Andermatt noch fast das Genick gebrochen.
Höhepunkt meiner Liebe zu Ambrì war aber wohl die Reise nach Berlin zum Sommerturnier der Eisbären (welche wir schon kannten, als sie noch Dynamo hiessen, Berlin noch eine Mauer hatte und sie noch im Wellblechpalast spielten). Zu diesem Freundschaftsspiel an einem Freitagnachmittag mittem im Sommer erschienen also über 5000 Zuschauer, was eine lange Schlange an der einzigen geöffneten Kasse nach sich zog (irgendwie ein wenig wiederbelebte DDR-Romantik oder Ostalgie). Mit der Sicherheit, gerade über den Tisch gezogen zu werden, kauften wir bei einem fliegenden Händler drei Tickets mit Eintritt am VIP-Eingang. Keiner wollte vorangehen und sich die Peinlichkeit antun, mit einem gefälschten Ticket als VIP anzustehen. Aber nicht nur wurde uns Einlass gewährt, sondern wir bekamen unsere eigene Business-Lounge zugewiesen und liessen uns von der Schantall genannten Servierfachkraft mit lecker Essen verpflegen. Wie das Spiel ausging? Keine Ahnung aber am Ende hatte ich Gänsehaut als die Dynamo-Fans die Ambrì-Spieler feierten und umgekehrt. Und noch toller wäre der Ausflug gewesen, hätte Knipser Knuser uns nicht ein Raucher-Zimmer gebucht, aber so oft waren wir dann ja gar nicht im Hotelzimmer.
So, und nun gewinnen wir 2019 also den Spengler-Cup. Nein, ganz sicher nicht, denn würden wir am Ende gewinnen, wären wir ja dann doch nicht Ambrì. Aber es spielt überhaupt keine Rolle, der Sieg gegen Ufa war heroisch, die Stimmung grandios und der Mythos Ambrì ist noch grösser geworden, sofern das überhaupt noch möglich war. Oder wie es mein Bruder mal umschrieb: Es ist wie eine Droge, man wird süchtig oder nicht. Er ist es nicht geworden, ich zum Glück schon.
Siamo sempre con voi!


























